dann stellen würde. Angesichts dieser Lage erfordere es das französische
Interesse, so lange wie nur irgend möglich neutral zu bleiben. Für Deutschland
könne es nicht Partei nehmen. Wenn es sich aber mit England verbünde,
so würde sich Deutschland an ihm für die Verluste schadlos halten,
die es vielleicht von der britischen Flotte erleide. Rouvier werde daher
wahrscheinlich jede Möglichkeit eines europäischen Zusammenstoßes
zu vermeiden suchen. Der Konferenz von Algeciras sehe man daher mit
Besorgnis entgegen.
Zeigt uns dieser belgische von Leghait erstattete Gesandtschaftsbericht
deutlich die Befürchtungen Frankreichs, so läßt uns die schon
erwähnte Berliner Darstellung vom 27. Oktober!) mit nicht geringerer
Klarheit erkennen, daß man auch in Deutschland die europäische Lage
mit großer Unruhe betrachtete. Die Veranlassung zu ihm bildete die
bekannte Kaiserrede anläßlich der Enthüllung des Moltkedenkmals vor
dem Generalstabsgebäude in Berlin. Bei einem Galadiner widmete der
Kaiser seinen Trinkspruch der Vergangenheit und der Erinnerung an den
größten General Kaiser Wilhelms I. Das zweite Glas widmete er der
Gegenwart und der Zukunft. Er bezog sich auf Deutschlands Lage in
der Welt und sprach die so bekannt gewordene Mahnung aus, das Pulver
trocken, das Schwert scharf zu erhalten, das Ziel zu erkennen, die Kräfte
zu spannen und die Schwarzseher zu verbannen, Worte, denen man in
der Literatur aller Länder seitdem immer wieder begegnet ist, bis sie in
den Kriegsreden Cl&menceaus als schärfstes Beweismittel dafür verwendet
wurden, daß Deutschland damals schon den Krieg gewollt habe?).
Wie aber beurteilte der belgische Gesandte Baron Greindl diese Worte?
Ihm erschienen sie lediglich als klarer Ausdruck der Tatsache, daß der
Kaiser von tiefstem Argwohn gegen die Politik Englands erfüllt war.
Er lebte der festen Überzeugung, daß England in Paris, in Tokio, in St.
Petersburg und in Washington nicht etwa nur danach strebe, seine eigenen
Beziehungen zu verbessern, worin ja auch nichts Unberechtigtes liegen
würde, sondern vor allem Deutschland in der Welt zu vereinsamen.
„Es herrscht hier ein unüberwindliches Mißtrauen gegen England. Eine
sehr große Anzahl Deutscher ist überzeugt, daß England Bundesgenossen
für einen Angriff gegen Deutschland sucht oder daran arbeitet, auf dem
Kontinent einen Krieg heraufzubeschwören, an dem es nicht teilzunehmen
hätte, und von dem es doch alle Vorteile ernten würde.“
„Man sagt, daß viele Engländer von entsprechenden Besorgnissen
erfüllt sind und einen Angriff Deutschlands fürchten. Deutschland ist
indes durchaus nicht in der Lage, England anzugreifen. Um eine Armee
auf dem englischen Boden zu landen, müßte es mindestens für einige Tage
das Meer beherrschen, und Deutschland hat keine Aussicht, dazu zu gelangen.
Seine an den beiden Ausgängen des Kaiser-Wilhelm-Kanals
im Hinterhalt liegende Flotte könnte wohl, da sie in einer Nacht von einem
Meere zum anderen gelangen kann, vielleicht für eine Verhinderung der
1) vgl. belg. Akt. Nr. 12 und Bd. II, S. 83/84.
2) Vgl. meine Ausgabe der Kriegsreden Cl&menceaus.
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