Dresden. 117
Sächs. Oberverwaltungsgerichts 4, 335 — dieser Rechtsauslegung entgegen—
getreten ist und den Begriff der Selbständigkeit weiter ausgelegt hat, ist
der Damm, der die Sozialdemokratie zurückhielt, durchbrochen.
Das wesentlichste Moment bei den Stadtverordnetenwahlen bilden die
zahlreichen Bürger= und Bezirksvereine und die kommunalen Interessenten-
vereine; die Bürger= und Bezirksvereine vertreten die Wünsche ihres be-
treffenden Stadtteils oft mit einem gewissen Stadtteilspartikularismus. Der
größte dieser Vereine ist derjenige der Wilsdruffer und Seevorstadt mit über
600 Mitgliedern. Unter den Interessentenvereinen ragen der Hausbesitzer-
verein mit über 4000 Mitgliedern und der Mietbewohnerverein mit gegen
3000 Mitgliedern hervor. Die genannten Vereine treten mit einigen politischen
Vereinen vor den Wahlen zusammen und suchen eine gemeinsame Liste zu
bilden. Jeder sucht seine Kandidaten auf die Liste zu bringen, so daß sich
ein schwieriges Abwiegen der einzelnen Wünsche, oft ein Vertrösten auf
kommende Jahre nötig macht. Wenn ein Verein sich nicht an der Koalition
beteiligt oder während der Wahlvorbereitungen aus ihr ausscheidet, wird
sein Kandidat, auch wenn er bereits Stadtverordneter ist und sich als solcher
bewährt hat, gestrichen. Wer Stadtverordneter werden will, kann nur durch
die Vereine auf die Liste der Koalition kommen, und diese Liste hat in den
letzten Jahren stets gesiegt.
Während bis vor wenigen Jahren der Gegensatz zwischen dem Haus-
besitzerverein und dem liberalen Mietbewohnerverein die Bildung einer
durchaus einheitlichen Koalitionsliste öfters verhinderte, hat sich in den letzten
Jahren der Mietbewohnerverein überhaupt nicht mehr an dem gemeinsamen
Vorgehen beteiligt. Dadurch ist ein völliger Zusammenschluß der übrigen
Vereine bewirkt worden und ihre Leitung einigen Führern der antisemitischen
Reformpartei zugefallen. Diese üben, gestützt auf den politischen Reform-
verein, auf mehrere lokale Reformvereine und auf die Bürger= und Bezirks-
vereine, die großenteils einen reformerischen Charakter tragen, einen derartigen
Einfluß aus, daß sie unbequeme Kandidaten von der Liste fernhalten können.
Schwierigkeiten macht ihnen nur bisweilen der Partikularismus gewisser
Stadtteile. Namentlich hält die Bürgerschaft von Dresden-Neustadt fest
zusammen, fühlt sich als Staat im Staate und läßt ungern einen der
Ihrigen fallen. Zu den verbündeten Vereinen gehört auch der politische
konservative Verein, dessen Führer zwar teilweise dem Reformertum fernstehen,
dessen weitere Kreise aber ins Reformertum verlaufen, und der fürchtet, sich
durch Trennung von der Koalition der Mitwirkung an der städtischen Politik
zu begeben.
Soweit die verbündeten Vereine ein Wahlprogramm aufstellen, ist es