Full text : Geschichte des deutsch-französischen Krieges 1870 und 1871.

20  Empfang  in  Berlin.

Auf  jeder  Stazion  wurde  der  königliche  Herr  enthusiastisch  be—
grüßt.  Als  der  Zug  auf  dem  Bahnhofe  der  ehemals  hessischen
Hauptstadt  hielt,  da  empfing  den  Landesherrn  ein  lauter  Jubel.  Der
Oberbürgermeister  der  Stadt,  die  Spitzen  der  Behörden  und  eine
zahllose  Menschenmenge  nahten  dem  Könige,  dankten  ihm  für  sein
männliches  Wort  und  sagten  ihm,  daß  alle,  alle  dem  Könige  mit
Freuden  folgen  und  kein  Opfer  zu  hoch  halten  würden,  um  das  be—
drohte  Vaterland  zu  retten.

Und  so  ging  es  weiter  von  Stazion  zu  Stazion,  jubelnde  Volksmengen
  empfingen  den  König  überall,  begeisterte  Lieder,  kühne  Worte
tönten  an  sein  Ohr  und  weckten  in  seinem  Herzen  das  Bewußtsein,
daß  dieser  Krieg  ein  heiliger,  ein  Volkskrieg  sei,  und  daß  diesmal
das  ganze  ungetheilte  Volk  eintrete  für  König  und  Vaterland  mit
Jauchzen  und  mit  Freuden,  mit  Gut  und  mit  Blut!

So  nahte  König  Wilhelm  seiner  Hauptstadt.  Doch  so  wie  am
Abend  dieses  Tages  war  er,  war  dort  vielleicht  noch  nie  ein  Fürst
empfangen  worden.  Schon  seit  den  Nachmittagsstunden  hatten  alle
Straßen,  durch  welche  der  König  fahren  mußte,  sich  mit  Menschen
gefüllt,  die  seiner  Ankunft  harrten,  und  als  der  Abend  nahte,  drängte
fast  ganz  Berlin  sich  in  jenen  Stadttheilen  zusammen.

Neun  Uhr  Abends  kam  der  König.  Auf  dem  Bahnhofe  wurde
er  von  den  Prinzen  des  königlichen  Hauses  empfangen,  und  als  er
den  Wagen  bestieg  und  durch  die  Straßen  fuhr,  da  donnerte  ihm
überall  das  Hurrah!  entgegen,  alle  Fenster  waren  glänzend  erleuchtet,
das  Lied  „Ich  bin  ein  Preuße“  und  „Die  Wacht  am  Rhein"“  brausten
  durch  die  Menge,  welche  ihre  Hüte  jubelnd  aufhob.  Es  war
eine  gewaltige,  herrliche  Begeisterung,  welche  die  Massen  durchzuckte,
und  Thaten  haben  bewiesen,  daß  sie  kein  Strohfeuer  war.

Als  König  Wilhelm  im  Schlosse  angekommen  war,  fanden  sich
alsbald  die  großen  Führer  des  preußischen  Heeres,  General  von
Moltke,  Prinz  Friedrich  Karl,  der  Kriegsminister  von  Roon  und
andere  ein.  Im  Kriegsrathe  des  Königs  wurde  nun  sofort  die  Mobilmachung
  des  ganzen  Bundesheeres  befohlen.

Zum  19.  Juli  wurde  der  Reichstag  des  norddeutschen  Bundes