Neujahr 1871. Kaiser Wilhelm. 3
Feldhern erreichte, was unter dem milden Einfluß seines Namens und Rates die
Gegenwart fünstigen Jahrhunderten an sester Staatsordnung überliefert?
Dasselbe Jahr, welches die altheilige Würde des deutschen Kaisertums begrub,
das Jahr 1806, brachte auch das letzte Bollwerk Deutschlands, Preußen, an den
Abgrund des Verderbens. Der Rheinbund von Napoleons Gnaden und der Staat
Friedrichs des Großen vertrugen sich nicht auf einem Boden, in Einer Zeit. Bis
zum äußersten Osten der preußischen Monarchie soh nach der Schlacht von Jena
das Königshaus vor der Rache des siegreichen französischen Kaisers. Damals, in
ihres Landes und Volkes größter Drangsal, hat die unvergeßliche Königin Luise
jenes stille Selbstvertrauen in die Seele ihrer zarten Söhne gelegt, jene unwandelbare
Zuversicht in Preußens Wiedererhebung, welche schon neun Jahre später die jungen
Prinzen siegreich in die französische Hauptstadt führte. Die Königin freilich hat diese
Erfüllung ihrer heldenmütigen Hoffnungen nicht erlebt. Ihr ist das Herz gebrochen
über dein Jammer ihres Volkes. Aber ihr Sohn, der König Wilhelm von Preußen,
hat von der Schwelle der Kindheit an der teuren Mutter Vermächtnis kühn und gottvertrauend
angetreten. Am sechzigsten Jahrestage ihres Todes, am 19. Juli 1870,
nahm er die von Frankreich frech hingeschlenderte Kriegserklärung auf mit der schneidigen
Spitze seines deutschen Schwertes. Daß Deutschland nun einmütig und kraftvoll
wie nie zuvor seinem Heerruf folgen konnte, daß dieser Ruf ein freudiges Echo
erweckte, von den schwäbischen Höhen, wo seine Stammburg ragt, bis zu den Dünen
der deutschen Meere, daß alle Deutschen gleich gerüstet und kriegsfertig sich gegen den
Erbfeind stürzten, das war wiederum vornehmlich sein eigenes Werk. Das Werk
hatte er gewollt und vollendet, unbekümmert um die Gunst oder Ungunst der Tagesmeinung,
soviel ihm auch sonst an der Liebe seines Volkes gelegen war.
Mit ungebeugter Kraft hatte der Dreiundsiebzigjährige bei Ausbruch des Krieges
sich selbst an die Spitze der deutschen Heere gestellt, sie von Sieg zu Sieg vor die mit
eisernen Armen umklammerte französische Hauptstadt geführt, alle Mühsal und Entbehrung
des harten und ruhelosen Feld= und Kriegslebens ertragen mit unermüdlicher
Ausdauer, in heldenmütigem Pflichtgefühl. Und hier, in Versailles, in der französischen
Königsstadt, in der einst die üppige Selbstvergötterung Ludwigs XIV.
sich blähte, in dem Schlosse, das durch die riesengroße goldene Inschrift „à toutes les
gloires de la France“ allen Ruhmesthaten Frankreichs geweiht war, hier,
wo die „große Revolution“ in der Nacht vom 6. Oktober 1789 ihren königsmörderischen
Lauf begann, hier ward dem König Wilhelm von der einmütigen Liebe und
Dankbarkeit der deutschen Stämme und Regierungen die Krone angeboten, welche die
höchste einheitliche Macht im wiedererstandenen Deutschen Reiche bedeutet. Kein Parteihader
und kein Bürgerblut, kein gebrochener Eid und kein Fluch vergewaltigter
Herrschergeschlechter oder freiheitsberaubter Völker heftet sich an dieses sunkelnde Gold.
Vielmehr ward es zu Tage gefördert aus dem tiefen Schachte unserer Volksseele, welche
das edle Gut treu behütete, der großen Tage eingedenk, da dieses Gold einst über die
Welt glänzte. Gehärtet ward es in dem Schlachtenfeuer unseres jüngsten Volkskrieges.
Und leuchten soll es wie ehedem über die Welt bis zu den fernsten Geschlechtern, als
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