Kriegsberichte: Wirballen; Karpathen
stät noch nach Sybba weiter, wo er Teile seines pom-
merschen Grenadierregiments begrüßte, auf welche
Ansprache der Kommandeur Graf Rantzau dankend
erwiderte. Die verfolgenden Truppen gelangten an
diesem Tage noch über Lyck hinaus.
Am 15. Februar war kein Russe mehr auf deut-
schem Boden. Ostpreußen war vom Feinde
befreit.
Die Kämpfe bei Wirballen am 10. Februar 1915.
Unter den Gößten Anstrengungen, welche die tief.
verschneiten Wege verursachten, waren die Truppen
des Generals v. Lauenstein am 2. Februar an den
Feind herangekommen und warfen diesen in leichten
Kämpfen aus dem Schureller Forst hinaus. Wie
aus erbeuteten russischen Befehlen hervorgeht, glaubte
der Gegner sich vor dem deutschen Ansturme in eine
bereits wohlvorbereitete Stellung Pillkallen-
Stallupönen zurückziehen und dort behaupten
zu können, aber der starke Flankendruck, den die
eutsche Offensive ausübte, zwang den Feind zum
Aufgeben dieses Planes und veranlaßte ihn, sich nach
einer dritten, gleichsalls vorbereiteten Stellung süd-
lich Wirballen zurückzuziehen. Es waren anderthalb
russische Divisionen, die sich am Nachmittag des 10.
Februar dort einfanden und in Eydtkuhnen, Kibarty
und Wirballen zur Ruhe übergingen. Obwohl man
vom Anmarsch der deutschen Kräfte wußte, hielt man
es für ausgeschlossen, daß die Deutschen bei dem
herrschenden Schneesturm an diesem Tage noch Peran-
kommen könnten. Man wiegte sich derart in Sicher-
heit, daß man sogar auf das Ausstellen irgendwelcher
Sicherungsposten gänzlich verzichtete. Nur so konnte
es kommen, daß die Angreifer, die sich durch die Na-
turgewalten nicht aufhalten ließen, noch am 10. Fe-
bruar an die russische Unterkunft herankamen, aller-
dings nur mit Infanterie und einigen Geschützen;
denn alles Übrige war in den Schneewehen stecken-
geblieben. Es war Abend, als Eydtkuhnen, und
es war Mitternacht, als Wirballen überfallartig
angegriffen und erstürmt wurde. Auf der
Chauss ee standen zwei russische Batterien mit 12 Ge-
schützert und einer großen Anzahl von Munitions-=
wagen, anscheinend rastend. An sie kam die deutsche
Insankerie, ohne einen Schuß zu tun, bis auf 50 m
heran. Die sämtlichen Pferde wurden niedergeschossen
und dann die Geschütze und Munitionswagen ge-
nommen. Der Rest der Bedienung flüchtete. e -
wohl in Eydtkuhnen wie in Wirballen kam es dann
u nächtlichen Straßenkämpfen, die mit der
B. san ennahme von 10000 Russen endeten.
Die Zahr der Gefangenen war so groß, daß man
kaum wußte, was man mit ihnen anfangen sollte.
Nach der Einnahme der beiden Orte fielen auch die
dortigen Bahnhöfe in deutsche Hände, mit ihnen eine
schier unermeßliche Beute. Ee standen hier drei
Lazarett= und ebensoviel Verpflegungszüge. Einer
dieser Züge war der Lazarettzug der Zarin, der von
dem Fürsten Lieven und zahlreichem Personal be-
gleitet wurde. In ihm fand der Stab des Generals
v. Lauenstein ganz unerwartet ausgezeichnetes Nacht-
quartier. Die übrigen Züge waren mit einer großen
Menge Hafer, ausgezeichneten Konserven, sehr viel
Schokolade, ferner mit Stiefeln und Pelzwesten in
großer Zahl beladen. Jeder berittene deutsche Sol-
dat war imstande, eine Pelzweste an sich zu nehmen;
augenblicklich noch wichtiger war aber für die seit
zwei Tagen auf eiserne Portion angewiesene deutsche
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Truppe die Erbeutung von 110 russischen Feld-
küchen, die fast durchweh mit warmem Essen gefüllt
waren. Man kann sich den Jubel unserer siegreichen
Truppen vorstellen, als diese Beute in ihre Hand ge-
fallen war. Es war augenblicklich der schönste Lohn
für die junge Truppe, die an diesem Tage teilweise
zum erstenmal ins Gefecht gekommen war und sich
glänzend geschlagen hatte.
Schulter an Schulter mit unseren Verbündeten!.
Veröffentlicht am 12. März 1915.
Während der ersten Kriegsmonate war es den
Russen gelungen, Galizien und die Bukowina
zu besetzen, im Karpathengebirge vorzudrin-
en und dort Stellungen einzunehmen, von wo aus
n4 Ungarn bedrohten. Wie eine Insel inmitten der
feindlichen Brandung hielt sich noch die galizische
Festung Przemyfl. Wollte Osterreich-Ungarn Prze-
mysl entsetzen und zuglech verhindern, daß der Russe
Galizien, Ungarn und die Bukowina ebenso mit Be-
schlag belegte, wie Deutschland es mit Belgien und
Nordfrankreich getan hatte, so galt es, die dortigen
Streitkräfte aufs äußerste anzuspannen, die Russen
in ihrem Vormarsch aufzuhalten, ihnen ihre Stellun-
gen wieder zu entreißen und sie mit verdoppelter Wucht
in großer Offensive nordwärts zurückzudrängen.
Fur Erfüllung dieser überaus wichtigen Aufgabe
beschlossen die Verbündeten im Januareinge-
meinsames Vorgehen. Zwischen die österreichisch-
ungarischen Armeen und Armeegruppen wurden
deutsche Kräfte eingeschoben, die von Munkacs als
ihrer Operationsbasis den Vorstoß in die Karpathen
alsbald unternahmen.
Zu den Schwierigkeiten, die jeder Gebirgskrieg,
zumal im Winter, einer gegen feindlich besetzte Höhen
vorrückenden Truppe bereitet, treten in den Karpa--
then' die ungewohnten Hindernisse, wie sie die eigen-
artige Formation dieses Gebirges mit sich bringt.
Von Süden nach Norden führen etliche gut gangbare
Straßen über die Paßhöhen. Große Längstäler,
die sich in nordöstlicher Richtung erstreckten, sind aber
wischen den hintereinander gelagerten Hauptrücken
* ut wie gar nicht vorhanden. Was die großen und
hoben Kämme trennts, ist vielmehr ein bewegtes Meer
von mittleren Bergen und Hügeln, die sich kulissen-
artig staffeln und nur selten einen weiteren überblick
ewähren. Die quer durch die Karpathen führenden
Straßen können deshalb von unzähligen Punkten
aus beherrscht werden, und auch ein zurückweichender
Gegner findet auf Schritt und Tritt immer wieder
neue Stellungen, die er leicht befestigen und in denen
er sich mit verhältnismäßig geringen Kräften be-
haupten kann. Infolgedessen ist der Angreifer oft
ezwungen, seine eigentliche Vormarschstraße zu ver-
assen, die in mühseligem Spürdienst entdeckten
Schlupfwinkel des Feindes zu umgehen und sich ihnen
auf unwegsamen Seiten- und Nebenpfaden zu nähern,
Pfade, die er bei tiefem Schnee erst auffinden und
freischaufeln muß.
Was das für die Sicherung und Aufrechterhaltung
der rückwärtigen Verbindungen und überhaupt für
die Beförderung schwerer Lasten bedeutet, liegt auf der
Hand. Die Karpathen erheben sich zu Höhen von
1000—2600 m. Steigungen, die die Fahrstraße in
1 Behandelt die Schwierigkeiten des Winterseldzuges 1914/15
in den Karpathen.
2 6gl. die Reliefkarte der Karpathen.