Volltext : Prinz Max von Baden. Erinnerungen und Dokumente.

tät  des  ukrainisch-deutschen  Friedens  hineinsprang;  wie  er  dann  Trotzkis
NRacheakt  „den  großen  Coup“  vom  10.  Februar:  „Die  Entscheidungsstunde
  ist  da,  ich  gebe  den  Krieg  auf,  demobilisiere,  verweigere  aber  die
Unterschrift  unter  den  Frieden,“  mit  der  Erklärung  beantwortete:  der  Vierbund
  steht  also  mit  Rußland  im  Kriege,  denn  der  Daseinsgrund  des  Waffenstillstands
  ist  der  Friede;  wird  also  kein  Friede  geschlossen,  so  beginnen
nach  Ablauf  der  vorgesehenen  Frist  die  Kriegshandlungen;  wie  er  dadurch
die  diplomatische  Grundlage  für  unseren  Vormarsch  schuf,  der  Livland  und
Estland  erlöste  und  uns  die  Freiheit  des  Handelns  im  Westen  gab  —  das  alles
zeigte  einen  Diplomaten  von  seltener  Intelligenz  und  Tarkraft.

Auch  dialektisch  war  Kühlmann  Trotki  durchaus  gewachsen.  Er  hat  ihn
mehrmals  in  Verlegenheit  gebracht,  z.  B.  als  er  die  russische  Forderung,
Vertreter  der  besetzten  Gebiete  hinzuzuziehen,  annahm,  aber  die  Bedingung
daran  knüpfte,  die  russische  Delegation  müsse  dann  die  vertretenen  Völker
wenigstens  präsumtiv  als  „Volkspersönlichkeiten“  anerkennen.  Aber  das
waren  schließlich  nur  taktische  Erfolge  —  strategisch  blieb  Trotzki  Sieger.
Er  verließ  als  Märtyrer  des  Selbstbestimmungsrechts  Brest-Litowsk,  wir
als  Vergewaltiger  der  kleinen  Nationen.  So  weit  durfte  es  nicht  kommen.
Brest-Litowsk  verlangte  von  uns  große  Dolitik,  erst  in  zweiter  Linie
Diplomatie:  Es  handelte  sich  darum,  das  Mißtrauen  der  Welt  gegen  das
deutsche  Wort  zu  besiegen,  die  Legende  von  unseren  Weltherrschaftsplänen
zu  zerstören  und  die  Bolschewiki  als  Heuchler  und  als  Knechter  von  Menschen
  und  Bölkern  zu  entlarven.  Das  war  leicht,  wir  mußten  nur  von  Anfang
  an  feierlich  und  ohne  Klauseln  verkünden:  Wir  fühlen  uns  berechtigt
und  verpflichtet,  die  aus  dem  russischen  Chaos  befreiten  Bölker  zu  schützen,
bis  sie  ihr  Eigendasein  befestigt  haben;  räumen  aber,  sowie  ruhige  Verhältnisse
  eingetreten  sind,  das  beseczte  Gebiet,  damit  sobald  als  möglich,
am  besten  unter  neutraler  Kontrolle,  konstituierende  Versammlungen  gewählt
  werden,  die  die  endgültigen  Staatsformen  dieser  Völker  festlegen
sollen.

And  dann  war  NRußlands  Desinteressement  an  den  Nandstaaten  zu
fordern,  nicht  weil  wir  die  Sieger  und  sie  die  Besiegten  waren  und  „unsere
Machtstellung“  es  uns  erlaubte,  wie  Graf  Hertling  am  3.  Januar  1918  sagte,
sondern  weil  uns  die  Kulturaufgabe  oblag,  die  westliche  Zivilisation  gegen
die  bolschewistischen  Zerstörer  zu  schützen,  die  bereitstanden,  durch  Mord
und  Plünderung  und  blutigen  Bürgerkrieg  die  neu  befreiten  Nationen  zu
verderben.  Wenn  sie  dabei  westliche  Redensarten  von  Freiheit  und  Selbst.

1  Nach  Hoffmann  (a.  a.  O.,  S.  214  f.)  wäre  diese  der  ursprünglichen  Absicht  Kühlmanns
  entgegengesetzte  Stellungnahme  auf  Hoffmanns  Protest  und  die  Intervention
der  Obersten  Heeresleitung  zurückzuführen.

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