— 419 —
Sollte wirklich einnial aus Mangel an Flachs statt der Spinnstube
eine Strickstube oder Lichtstube zu halten sein, so ist das noch
kein Unglück. Wenn nur die uralte Form der dörflichen Geselligkeir
erhalten bleibt, gereinigt und befreit von all der Schande und
Sünde, die durch die Nachlässigkeit der Eltern und anderer berufener
Jugendführer allmählich in sie eingezogen war. Mit
Schelten und Ausrotten bessert man nichts.
Allmählich hört das unfruchtbare Eifern in Synoden und Behörden
auf, und man lernt einsehen, daß der Kampf gegen die
Spinnstube nicht die geringste veredelnde Wirkung für das gesellige
Leben auf dem Lande und nicht den mindesten Einfluß auf da
religiöse oder sittliche Leben gehabt hat. Das Bedürfnis, —*
die Spinnstube einst begründet, läßt sich auch nicht beseitigen. In
die Schablone städtischer Geselligkeit läßt sich das Landvolk nicht
zwängen.
Vielleicht wecken die Beispiele von Dr. Grundemann und von
dem Gemeindehause in Wölfis die Lust, der alten Spinnstube
neues Leben und neuen Gehalt zu geben, sie nicht zu bekämpfen,
sondern als Stätte häuslicher Bel öffentlicher Geselligkeit zu
veredeln.
Kiterater. li! Gräfin zur Lippe, Die Frau auf dem
263, die Spinnstube von Pf. Keil-Wölfis. — Dr. "| öckel.
Dutsche Polkslieder aus Oberhessen. Marburg 1885. Widmet ein besonderes
Kopitel darin, S. 123, der Spinnftube und ihrer Geschichte. —
Derselbe gibt in seiner sychologie der Volksdichtung“
(Leipzig 1906) eine umfassende Darstellung des Spinnstubenwesens,
seiner Vorzüge und Bedeutung sowie des Kampfes gegen die Spinnstuben.
— Kück u. Sohnrey, Feste und Spiele des deutschen Landvolks.
Schn 100. — Zahlreiche Artikel und Mitteilungen in Peseren
n r7 des „Land“ sowie in den im ledien. Absschnitt ausgefübrt
8 slunblichen Schriften. Eine besondere
nwesen in Deutschland hauf Frimt tes gerkuennn
— ist in Aussicht genommen.
Das Volkslied. Der Dorfgesangverein.
Es ist leider nicht möglich, im Nahmen dieses Wegweisers eine
genügende Würdigung der althergebrachten Volkslieder und ihrer
Bedeutung für das ländliche Volkstum zu geben; doch sollen
wenigstens ein paar Bemerkungen nicht fehlen, die uns zeigen,
warum das Volkslied durchaus in unsern Pflegekreis zu ziehen ist
und wie wir das Lied des Volkes wirksam pflegen können. Das
Volkslied ist eng verbunden mit de Volksfitte, vor allem der
dlach bausitte: Beim Rupfen auf dem Felde, beim Riffeln auf
der Scheune, beim Spinnen in der Stube, — ach, wie wurde da
gesungen! Das waren die vornehmsten Aflegestätten des Volksliedes.
Mit dem Niedergange dieser Volkssitten ist die Feld- und
Hauspoesie verkümmert, ist das Volkslied schutzlos geworden.
Das Volk hat keine rechte Gelegenheit mehr, seine Lieder zu
M