Metadata : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Zweiter Teil. (2)

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einen  und  die  östliche  christliche  Kirche  mit  dem  Mittelpunkt
  in  Konstantinopel  wiederherstellen;  damit  dient
es  aber  der  Menschheit  und  der  Zivilisation.  Jedenfalls
  zeigt  diese  russische  Anschauung  eine  der  ganzen
russischen  Kultur  charakteristische  enge  Verbindung  der
staatlichen  und  kirchlichen  Ziele.

Es  ist  schwer,  von  einer  rufsischen  Kultur  im  geistigen
  Sinne  zu  sprechen,  denn  das  Volk,  auf  dem  sie
ruhen  müßte,  ist  ungebildet  und  das  Opfer  geistiger
Ertötung  durch  den  Zarismus.  Hervorstechende  Charakterzüge
  sind  vor  allem  Phlegma  und  Fähigkeit
zum  Dulden  und  Ertragen;  es  fehlen  Pflicht=  und
Ehrgefühl,  Organisationskraft,  Trieb  zum  Schaffen
und  Sinn  für  alles,  was  uns  vorwärts  treibt:  Bewährung
  sittlicher  Tüchtigkeit,  Wetteifer  der  Geister,
Heldentum.  Ordnung  und  Disziplin.  So  hat  sich  auch
der  russische  Soldat  gezeigt.  Er  isttapfer;  Niederlagen
drücken  ihn  bei  seiner  geistigen  Unbeweglichkeit  nicht;
er  ist  ein  furchtbarer  Gegner,  solange  es  auf  Massenwirkung
  ankommt:  doch  versagt  er.  wenn  er  führerlos
  ist  und  seine  Einzelintelligenz  beansprucht  wird.

Das  Wichtigste  aber  wurdeder  systematisch  geschürte
Deutschenhaß,  der  diesen  Krieg  geradezu  volkstümlich
  gemacht  hat  und  immer  wieder  den  Willen

um  Kampf  und  zum  Durchhalten  aufpeitschte.  Deutschenhaß
  und  asiatische  Barbarei  offenbarten  sich  schon
vor  Beginn  des  Kampfes  in  der  Zerstörung  des  deutschen
  Botschaftsgebäudes  und  der  Ermordung  eines
Mitglieds  der  Botschaft,  ferner  in  der  Behandlung
der  deutschen  Konsuln,  die  monatelang  in  verseuchten
Gefängnissen  unter  schmählicher  Verpflegung  wie
Verbrecher  herumgeschleppt  wurden!.  Das  Grauenhafteste
  aber  waren  die  Verwüstungen  und  Greuel  in
Ostpreußen;  Zerstörungswut  und  fanatischer  Haß
gegen  das  germanische  Herrenvolk,  gegen  seine  Ordnung
  und  seinen  Wohlstand  sowie  die  ungezügelten
Instinkte  der  in  den  Niederungen  des  Lebens  heimischen
  Menschenmassen  brachen  sich  hier  Bahn.  Es
war,  als  ob  diese  Rache  nehmen  wollten  an  einer  Kultur,
  die  ihnen  verhaßt  ist,  weil  sie  keinen  Anteil  an  ihr
haben.  24  Städte,  600  Dörfer  und  300  Güter  wurden
  zerstört.  34000  Gebäude  ausgeplündert,  11800
Personen  verschleppt.  Und  wie  Gesetzgebung  und
Verwaltung  wetteiferten,  die  im  Völkerrecht  niedergelegten
  Güter  der  Kulturwelt  zu  vernichten  und  damit
ihrem  ungehemmten  Haß  freien  Lauf  zu  lassen,  das
beweisen  die  gegen  die  feindlichen  Ausländer  erlassenen
  Kriegsgesetze.

Für  die  innere  Entwicklung  Rußlands  wurde  am
bedeutsamsten  die  im  März  1917  beginnende  Umwälzung,
  die  das  Ende  des  Zarismus  herbeiführte  und
die  Demokratie  ans  Ruder  brachte.  Abgesehen  davon,
daß  diese  sehr  bald  ihren  Mangel  an  staatserhaltender
  Kraft  bewies,  gewähren  ihre  geistigen  Außerungen
ein  ähnliches  Bild  wie  früher.  Die  Aufrufe  des  Arbeiter=
  und  Soldatenrats,  des  wichtigsten  demokratischen
Organs,  zeigen  eine  völlige  Unkenntnis  der  deutschen
Verhältnisse,  malen  nach  wie  vor  das  Schreckbild  des
deutschen  Imperialismus  an  die  Wand  und  nehmen
an,  die  Bauern  und  Arbeiter  Deutschlands  und  Österreichs
  könnten  mit  Leichtigkeit  zur  Revolution  aufgestachelt
  werden.  Jedoch  förderte  der  Sieg  der  russischen
  Revolution  die  Bestrebungen  der  internatio-1

  Vgl.  Die  Denkschrift  der  deutschen  Regierung  (Beilage  zur
Norddeutschen  Allgemeinen  Zeitunge  19135).

2  Vgl.  H.  Klibanski,  Rußlands  Kriegsgesetze  gegen  die  semdlichen
  Ausländer  (Bresl.  1916).

IV.  Kultur  und  Geistesleben

nalen  Sozialdemokratie,  die  Führung  in  der  Politik
der  mitteleuropäischen  Staaten  und  die  Entscheidung
über  das  Ende  des  Krieges  in  ihre  Hand  zu  bringen
(Stockholmer  Konferenz).

Die  Volkswirtschaft  Rußlands  schließlich  zeigt
im  Kriege  ein  weiteres  Fortschreiten  der  ungeheuren
Verschuldung  des  Staates  im  Ausland;  neben  Franlreich
  ist  England  jetzt  der  Hauptgläubiger.  Die  Hauptstütze
  seiner  Finanzen  aber,  der  gewaltige  und  früber
im  Ausland  abgesetzte  überschuß  seiner  agrarischen
Erzeugnisse,  liegt  brach,  da  das  Reich  von  uns  abgeschlossen
  ist.  Hatten  daher  vor  dem  Kriegegute  Ernten
einen  wirtschaftlichen  Aufschwung  gebracht,  so  sieht  die
Zukunft  des  im  Umlauf  seiner  wirtschaftlichen  Kräfte
tief  gestörten  Landes  in  dieser  Hinsicht  trostlos  aus.

Italien.  Schon  vor  dem  Kriege  hat  man  immer
wieder  auf  den  an  Rußland  erinnernden  Tiefstand
der  Volksbildung  in  Italien  hingewiesen  (etwa  50
Proz.  Analphabeten),  auf  den  Umfang  der  Beamtenbestechung,
  auf  die  übliche  übervorteilung  der  Fremden,
  Dinge,  die  besonders  in  Süditalien,  dem  Lande
der  Verbrechergesellschaften  (Camorra,  Maffia),  hervortreten.
  Tusse  sittliche  Minderwertigkeit  des  Volkes
hat  sich  im  Kriege  nicht  verleugnet;  der  Treubruch
an  den  Bundesgenossen  bewies  denselben  moralischen
Tiefstand  und  zeigte,  durch  welche  Kluft  deutsches
Empfinden  von  italienischem  getrennt  ist.

Vorbereitet  war  der  Krieg  durch  die  Propaganda
der  Irredentisten  (vgl.  Rohmeder,  Irredenta,  S.  34ff.,
sowie  Müller,  Italien.  Bd.  L,  S.  69).  Diese  verlangten
die  »Erlösung«,  d.  h.  Einverleibung  derjenigen  österreichischen
  Gebiete  in  den  italienischen  Staat,  die  von
Italienern  bewohnt  wurden.  obendrein  noch  deutschen
und  flowenischen  Boden  auf  Grund  geographischer
Verhältnisse.  Als  geschlossene  Partei  der  Kriegshetzer
gelang  es  ihnen,  das  leicht  zu  beeinflussende  Volk  und
die  ganz  dem  Schein  ergebene  Menge  zu  gewinnen.
Die  von  Ruhmsucht  geblendeten  Leiter  des  Volkes
glaubten,  wenn  auch  als  Vasallen  Englands,  gegen
das  bedrängte  Osterreich  leichtes  Spiel  zu  haben.  Obgleich
  die  Neutralität  Italiens  für  seine  wirtschaftliche
  Entwicklung  einen  unschätzbaren  Gewinn  bot.
ließ  sich  das  Land  durch  seine  Staatsmänner  Sonnino
und  Salandra  (dieser  sprach  das  berüchtigte  Wortvom
sacro  egoismo)  und  durch  die  von  England  und  Frank:-reich
  bezahlte  und  geschickt  geleitete  Presse  in  den  Krieg
hineinziehen.  Weite  Gebiete  hätte  man  von  Osterreich
ohne  Schwertstreich  gewinnen  können;  trotzdem  ließ
sich  Italien  durch  seine  Unersättlichleit  verleiten,  alle
die  Ansätze  zu  einer  verheißungsvollen  Entwicklung
des  Landes,  die  in  den  letzten  Jahren  gemacht  worden
  waren,  wieder  aufs  Spiel  zu  setzen.  Der  Krieg
selbst  aber  bewies  die  Unfähigkeit  der  Italiener  in  der
Organisation.  Es  fehlte  an  Lazaretten  und  Arzten  sowie
  an  Kohlenvorräten;  die  wirtschaftliche  Rüstung
war  nicht  gesichert,  und  finanziell  geriet  das  Land
immer  mehr  in  Englands  Abhängigkeit.  Ein  übertriebener
  Heroenkultus,  als  dessen  Werkzeug  besonders
  der  Dichter  Gabriele  d  Annunzio  auftrat,  ersetzie
wirkliche  Taten  und  Siege;  blendende  Rhetorik  täuschte
das  Volk,  die  Kriegsberichte  zeichneten  sich  durch  geringe
  Wahrheitsliebe  aus.  Alles  in  allem  ein  unlösbarer
  Widerspruch  zwischen  Wollen  und  Können.

Japan.  Auch  bei  Japan  dürfen  wir  nicht  nur  den
Maßstab  deutschen  Empfindens  anlegen.  Wir  sehen
in  dem  Raubzug  gegen  Kiautschou  zunächst  schnöden
Undank;  sind  wir  doch  nicht  nur  im  Militärwesen,
sondern  auch  in  der  Medizin,  in  der  Rechtswissen-