Full text : Regierungsblatt für das Königreich Württemberg vom Jahr 1868. (45)

420

zu  Wien  gewonnen,  daß  man  ihm  die  Friedens-Negociation
abnahm  und  dem  Grafen  Neuperg  uͤbertrug.  Er  wußte  wohl,
und  als  Augenzeuge,  der  selbst  die  Festungswerke  untersucht
hatte,  wußte  er  sehr  wohl,  daß  Belgrad  stark  genug  sey,  die
heftigste  Belagerung  der  Türken  auszudauern,  aber  davon  erfuhr
  Neuperg  aus  seinem  Munde  kein  Wort,  sonst  hätte
Neuperg  durch  irgend  ein  Mittel  den  Schaden  des  schon  geschlossenen
  Traktats  gut  machen  mögen.  Ihm  mag  wohl  eingefallen
  seyn,  daß  in  den  Depeschen  des  Kouriers,  der  während
  Neupergs  Aufenthalt  im  kürkischen  Lager  nach  Siebenbürgen
  abgegangen  war,  manche  wichtige  neue  Instruktion  für
Neuperg  enthalten  seyn  könnte;  aber  auch  nicht  als  einer  zufalligen
  Erinnerung  gedachte  er  dessen  gegen  Neuperg;  sonst  hätte
Neuperg  auf  der  schnellen  Vollziehung  des  Traktats  nicht  bestehen
  mögen,  und  Neupergs  Fehler  sollte  unwiederherstellbar  seyn.

Schon  seit  vier  Tagen  hatte  der  Bassa  von  Romilien
mit  800  Janitscharen  das  Kaisersthor  von  Belgrad  besetzt,  da
der  Kourier  aus  Siebenbürgen  mit  den  kaiserlichen  Depeschen
für  den  Grafen  von  Neuperg  endlich  zurückkam,  Neuperg  mit
schauervollem  Erstauen  nun  erfuhr,  wie  unerwartet  zu  Wien
es  seyn  werde,  daß  Belgrad  verloren  sey.  Briefe  von  Münnich
  kamen  bald  noch  hinzu,  und  in  diesen  die  bittersten  Vorwürfe,
  daß  man  Rußland  verlassen  habe,  gerade  da  so  eben
die  rechte  Periode  der  Demüthigung  der  Pforte  durch  die
russischen  Waffen  aufing.  Man  hörte  von  Münnichs  neu
erfochtenem  Siege  und  von  Eroberung  der  Festung  Choczim.
Man  begriff  nun  endlich,  wie  unweise  es  gewesen  sey,  der
Mediation  des  französischen  Gesandten  zu  trauen,  dem  es  weit
näher  lag,  das  Zutrauen  der  Pforte  zu  erhalten,  als  für  das
Interesse  von  Oestreich  und  Rußland  zu  sorgen.

Alles  war  nun  verloren.  Hätte  auch  der  Kaiser  die  entworfene
  Friedenspunktation  nicht  ratificiren  wollen,  die  Türken