Full text: Der Weltkrieg 1914. Band 1. (1)

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Am 9. August hatte Herr Dumaine vom Grafen Berchtlod die bestimmte 
Erklärung erhalten, daß keine österreichisch-ungarischen Truppen nach dem 
Elsaß geschoben würden. Am folgenden Tage wurde die Erklärung durch 
eine weitere ergänzt, und zwar eine schriftliche, welche die Versicherung des 
Grafen Berchtlod enthielt, daß nicht nur keine österreichisch-ungarischen 
Truppen nach der französischen Grenze gebracht worden seien, sondern auch, 
daß keine aus Oesterreich-Ungarn in westlicher Richtung nach Deutschland 
in der Weise rückten, daß sie deutsche Truppen in der Front ersetzen könnten. 
Die britische Kriegserklärung 
gegen Deutschland wurde in Wien durch Sonderausgaben der 
lätter um die Mittagsstunde des 5. August bekannt.... Am Donnerstag- 
morgen (13. August) hatte ich die Ehre, Ihr Telegramm vom 12. mit der 
Mitteilung zu empfangen, daß Sie sich genötigt gesehen hätten, auf Er- 
suchen der französischen Regierung dem Grafen Mensdorff zu eröffnen: 
Nachdem Oesterreich--Ungarn den Krieg an Rußland erklärt habe, das schon 
an der Seite Frankreichs kämpfe, und österreichisch-ungarische Truppen an 
die deutsche Grenze unter Umständen gesandt habe, die eine direkte Be- 
drohung für Frankreich bildeten, und der Bruch mit Frankreich auf diese 
Weise herbeigeführt worden sei, hätte ich meine Pässe zu verlangen 
Graf Berchtold empfing mich um Mittag. Ich erfüllte meine Botschaft, auf 
die Se. Exzellenz nicht unvorbereitet scien . .. PSe. Exzellenz nahm 
meine Mitteilung mit der Höflichkeit entgegen, die ihn niemals verläßt. 
Er bedauerte die unseligen Verwicklungen, die solche guten Freunde wie 
England und Oesterreich-Ungarn in den Krieg getrieben hätten. Zur 
Sache selbst äußerte er, Oesterreich-Ungarn betrachte sich nicht im Augen- 
blick im Kriegszustand mit Frankreich, obwohl die diplomatischen Be- 
ziehungen zu diesem Lande abgebrochen seien. Wir vermieden beide zweck- 
lose Erörterungen. Dann ging ich dazu über, Sr. Exzellenz die Lage der 
zahlreichen gestrandeten britischen Untertanen in Karlsbad, Wien und 
anderen Orten zu empfehlen. Ich hatte schon einen Briefwechsel mit ihm 
darüber gehabt und Se. Exzellenz nahm Vormerkung von meiner Aeuße- 
rung und versprach, zuzusehen, was geschehen könne, um sie wegzubringen, 
wenn der Drang der Mobilmachung vorüber sei . . .. Ich nahm vom 
Grafen Berchtold Abschied mit aufrichtigem Bedauern. Beim Abschied bat 
ich Se. Exzellenz, dem Kaiser Franz Josef meine tiefe Ergebenheit auszu- 
drücken, mit dem Ausdruck meiner Hoffnung, Se. Majestät möge diese 
bösen Zeiten ohne Schaden für seine Gesundheit und Kräfte überstehen 
Im Laufe des Tages sprachen die Gräfin Berchtold und andere Damen der 
Wiener Gesellschaft in der Botschaft vor, um von Lady de Bunsen Abschied 
zu nehmen. Wir verließen den Bahnhof im Sonderzug nach der schweize- 
rischen Grenze um 7 Uhr abends. Es kam kein unangenehmer Zwischenfall 
vor. Auf den größeren Bahnhöfen auf der Fahrt ergab sich, daß aus- 
keichende Maßregeln getroffen waren, um uns vor Belästigungen zu schützen 
und auch mit Speisen zu versehen. Ich wurde darüber nicht im Zweifel 
gelassen daß die österreichisch-ungarische Regierung wünsche, daß meine 
eise sich möglichst bequem vollziehen und daß ich bei meiner Abfahrt alle 
einem Vertreter Sr. Majestät zukommenden Beweise der Achtung erhielte. 
Brüssel bleibt in deutschen Händen. 
Brüssel, 21. September. Die im Auslande verbreitete Meldung, 
daß Brüssel von den deutschen Truppen geräumt sei, ist falsch. Ebenso-