Full text: Der Weltkrieg 1914. Band 1. (1)

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an den französischen Botschafter geschrieben hatte und der das soeben Ge- 
sagte enthielt und ferner seine Zustimmung dazu enthielt, daß, wenn einer 
der beiden Staaten oder eine der beiden Regierungen ernstliche Ursache 
hätte, einen nicht provozierten Angriff seitens einer dritten Macht zu er- 
warten, in Beratung eingetreten würde darüber, ob beide Regierungen 
gemeinsam handeln wollen, um diesen Angriff zu verhindern. Dies, so sagte 
Grey, war unser Ausgangspunkt. Diese Erklärung schafft Klarheit über 
die Verpflichtungen Englands. Die jetzige Krifis ist nicht aus einer Frage 
entstanden, die ursprünglich Frankreich betraf. Keine Regierung und kein 
Land hat weniger gewünscht, in den österreichisch-serbischen Streit verwickelt 
zu werden, als Frankreich, es wurde ehrenhalber durch seine Verpflichtungen 
darein verwickelt: Wir hatten eine andauernde lange Freundschaft mit 
Frankreich und wie weit die Freundschaft Verpflichtungen modifiziert, dar- 
über möge jedermann sein eigenes Herz und seine Empfindungen zu Rate 
ziehen und das Maß der Verpflichtung abschätzen. 
Grey fuhr fort, seine persönliche Ansicht sei folgende: Die französische 
Flotte ist im Mittelmeer, die Nordküste ist ungeschützt. Wenn eine fremde, 
in Krieg mit Frankreich befindliche Flotte käme und die unverteidigte Küste 
angriffe, so könnte England nicht ruhig zusehen. Nach seiner starken Empfin- 
dung sei Frankreich berechtigt, sofort zu wissen, ob im Fall eines Angriffs 
auf seine ungeschützte Küste es auf englischen Beistand rechnen könne. Grey 
erklärte, daß er gestern abend dem französischen Botschafter die Versicherung 
gab, daß, wenn die deutsche Flotte in den Kanal und die Nordsee ginge, um 
die französische Schiffahrt oder Küste anzugreifen, die britische Flotte jeden 
in ihrer Macht liegenden Schritt gewähren würde. (Lauter Beifall.) Diese 
Erklärung bedürfe der Genehmigung des Parlaments. Sie sei keine 
Kriegserklärung. Er habe erfahren, daß die deutsche Regierung bereit sein 
würde, wenn England sich zur Neutralktät verpflichtete, zuzustimmen, daß 
die deutsche Flotte die Nordküste Frankreichs nicht angreifen würde. Dies 
* z wiel zu schmale Basis für Verpflichtungen englicherseits. 
eifall. 
Ferner bestehe die Frage der belgischen Neutralität. Grey rekapitu- 
lierte die Geschichte derselben und betonte, daß die britischen Interessen in 
dieser Frage ebenso stark seien wie 1870. England könne seine Verpflich- 
tungen nicht minder ernst auffassen, als Gladstone im Jahre 1870. Bei 
Beginn der Mobilisierung habe Redner der französischen und der deutschen 
Regierung telegraphiert, ob sie die belgische Neutralität respektieren 
würden. Frankreich erwiderte, daß es hierzu bereit wäre, falls nicht eine 
andere Macht jene Neutralität verletzte. Der deutsche Staatssekretär er- 
widerte, daß er nicht antworten könne, bevor er mit dem Reichskanzler und 
dem Kaiser beraten hätte. Er gab zu verstehen, daß er zweifle, ob es 
möglich wäre, eine Antwort zu geben, weil die Antwort deutsche Pläne 
enthüllen würde. Grey teilte weiter mit, daß England vorige Woche son- 
diert worden sei, ob es England beruhigen würde, wenn die belgische Inte- 
grität nach dem Kriege wieder hergestellt würde. Er erwiderte, daß Eng- 
land seine Interessen und Verpflichtungen nicht verschachern könne. (Beifall.) 
Grey verlas ein Telegramm des Königs der Belgier an den König Georg, 
daß einen äußersten Appell an die englische Intervention zum Schutze der 
Unabhängigkeit Belgiens enthielt. Diese Intervention fand letzte Woche 
statt. Wenn die Unabhängigkeit Belgiens verloren ginge, so ginge auch 
die Unabhängigkeit Hollands verloren. Das Parlament ollte erwägen,