Osterreichische Denkschrift 1849 Januar 77. 315
verschaffen, mit andern Worten, ihre Souveränität der durch das Gagernsche
Programm formulierten und in dem Frankfurter Parlamente verkörperten
Revolution gegenüber zu wahren. Nur indem sie sich an die in ihrem Innern
wieder befestigten beiden Großstaaten anschließen, nur indem sie Hsterreich und
Preußen in die Lage setzen, sie zu schützen, können die deutschen Fürsten dem Schicksale
nicht der Mediatisierung, sondern der eigentlichen Aufhebung und Vernichtung
ihrer Hoheitsrechte entgehen. Dieses tatsächliche Verhältnis bedarf keines Beweises.
Am wenigsten an dem hohen Orte, für welchen diese Jeilen bestimmt sind.
In München, in Stuttgart und anderwärts ist man hiervon durchdrungen; die
uns von dorther gemachten Mitteilungen sprechen hierfür. Nicht nur die Fürsten
Süddeutschlands, auch der größte und achtbarste Teil der Bevölkerungen scheint
dies zu fühlen. Hierüber weiter unten noch mehr.
3. Allen diesen Befürchtungen, diesen Hoffnungen und Bestrebungen gegenüber
hat sich ein großer Teil der Frankfurter Versammlung — es kommt hier auf ein
paar Stimmen mehr oder weniger nicht an — auf das Feld der Revolution gestellt.
Den Rechtsboden haben diejenigen gänzlich verlassen, welche zu Herrn v. Gagerns
Fahne schwören. Im Widerspruche mit den dort wohl bekannten Gesinnungen
des Königs von Preußen nennk die Partei, welche, um mit Herrn v. Gagern zu
sprechen, die Vereinbarer zuschanden machen will, sich die preußische. Sie will,
* Preußen in Deutschland aufgehe, d. h. daß ganz Deutschland der Revolution
verfalle.
4. Wir geben gerne zu, daß eine achtbare Anzahl der Frankfurter Abgeordneten
sich diesen Entwürfen nicht anschließt. Aber von den Wechselfällen einer Abstimmung
im Schoße einer von der flagranten Revolution erzeugten Versammlung,
in einer Versammlung, deren politischer Takt, deren Rechtsgefühl mindestens
problematisch sind, während ihre Ubergriffe offenkundig und nie gefährlicher waren,
als seit sie durch Herrn v. Gagerns Mitteilung vom 5. I. M. an den Ausschuß für
Begutachtung des reichsministeriellen Antrages belangend die österreichische Frage
in eine bestimmte Formel gebracht worden, von den Beschlüssen einer solchen Versammlung
wollen wir die Schicksale Deutschlands nicht abhängig machen.
5. Je mehr man in Frankfurt zur Entscheidung drängt, je dringender stellt sich
für die Regierungen der Beginn des Werkes der Vereinbarung, wenn dies möglich
ist, je unabweisbarer stellt er sich dar.
6. Von zwei Dingen eines. Entweder die Frankfurter Versammlung begreift,
daß in Wien nicht mehr die Aula, in Berlin nicht mehr der Lindenklub regiert, daß
die deutschen Regierungen, welche im März gelähmt, nicht, wie man in Frankfurt
vermeinte, erstorben waren, nunmehr — dank sei es den tapferen Heeren Öster--reichs
und Preußens — zur Lebenskraft zurückkehren — oder aber jene Versammlung
fährt fort, sich der Wahrheit geflissentlich zu verschließen.
Im ersteren Falle ist eine Verständigung mit dieser Versammlung möglich, im
zweiten bleibt nichts übrig als der Kampf, der Kampf auf Tod und Leben mit der
Partei des Umsturzes. Erstere Möglichkeit gerne annehmend, dürfen die Regierungen
Deutschlands die zweite Alternative nicht aus den Augen lassen. Sie müssen gerüstet
sein auf den schlimmsten — wir wollen hoffen zu vermeidenden — Fall.
So viel über die Lage des Augenblicks.
Erst in zweiter Linie, d. h. der nächsten Jukunft, aber nicht der unmittelbaren
Gegenwark angehörig, erscheint die Frage: Wie soll die künftige Verfassung
Deukschlands sich gestalten?
Obgleich diese Denkschrift nur die dringlichen Punkte besprechen soll, so werden
hier doch auch über den zweiten eben genannten Teil unsere Ansichten in nachsiehenden
Sätzen kurz angedeutet.
1. Wir kragen volle Rechnung dem nach Einheit ringenden Nationalgefühle
Deutschlands.