282 Dreiunddreißigstes Kapitel 24. März 1890
Verdruß gehabt. (Schlaganfall?) Sonst mißbillige ich es gar nicht;
denn ich selber trinke feste. Aber nehmen Sie sich in acht, ich
möchte Sie doch noch lange behalten.“ Es wurde dann nochmals
ausgemacht, daß ich ihm in vierzehn Tagen nach seiner Ankunft
in Friedrichsruh schreiben solle, jetzt aber, um mich zu erkundigen,
wann ich ihm einen kürzern Besuch machen dürfe zur Besprechung
über längern Aufenthalt.
Montag, den 24. März wurde ich nochmals von einem Kanzleidiener
mit Droschke zum Chef geholt. Mußte von 11¾ bis ein
Uhr im Vorzimmer warten, weil Caprivi allein oben mit dem Fürsten
frühstückte. Sah dann den neuen Reichskanzler, als er endlich ging.
Rottenburg ließ sich von Scheibler zum Roten Adler zweiter Klasse
mit Eichenlaub gratulieren. Der Chef saß, als ich zu ihm gerufen
wurde, in einer Causeuse vor seinem Schreibtische. Ich reichte
ihm die heutige Post, die Rottenburg mir für ihn mitgegeben hatte.
Er las den kleinen Leitartikel vom 23. (von mir aufgehoben) vor
und sagte: „Die wollen sich auch lieb Kind machen. Das kommt
von Hofherren, die vertuschen wollen. Sagen Sie doch etwas dagegen.
Können die Freisinnigen noch ärger auf mich schimpfen?
Nicht der schlechteste, sondern der beste Dienst, der mir geleistet
werden kann, ist die richtige Beantwortung der Frage, ob der Rücktritt
ein freiwilliger war oder ein unfreiwilliger, und die lautet:
ein unfreiwilliger. Patriotische Pflicht aber ist nicht, die äußerste
Zurückhaltung zu beobachten, sondern die Wahrheit zu sagen.“ —
Ich fragte, ob er noch lange bliebe. „Nein — erwiderte er —,
morgen oder übermorgen.“ Ich: „Dann darf ich also wegen der
Besprechung längern Aufenthalts, wie verabredet, in vierzehn bis
fünfzehn Tagen an Durchlaucht schreiben und anfragen?“ Er: „Sie
können auch eher schreiben, und kommen Sie recht bald.“
Der gewünschte Artikel ging als Anhang zu dem neulich bestellten
an die Grenzboten ab, die ihn in Nummer 14 unmittelbar
nach einem längern (wahrscheinlich Kayserschen) brachten, der ungefähr
wie die Post predigte. Die drei ersten Briefe Bismarcks!#
an Wilhelm I. erschienen an der Spitze von Nr. 14; sie lauteten:
1 Obwohl diese Briefe (bis auf den letzten, Nr. 10) im Bismarck-Jahrbuch
abgedruckt sind, teilen wir sie doch hier mit, weil diese Publikation verhältnismäßig
wenig verbreitet ist.