Full text : Deutschland und der Weltkrieg.

 

Die  Rolle  Serbiens  429

 

Interessen  geblieben  ist.  Während  Serbien  nur  durch  das  Eingreifen
Andrassys  am  Berliner  Kongresse  Nisch  und  den  Piroter  Kreis  erhielt,
während  Rußland  sich  weder  um  den  serbischen  noch  den  montenegrinischen
  Bundesgenossen  kümmerte,  ging  bald  darauf  Rußlands  Taktik  dahin,
  Serbien  den  Weg  nach  Bosnien  und  Herzegowina  zu  weisen,  das
man  Österreich-Ungarn  seit  1876  russischerseits  so  oft  angeboten  und  mit
dessen  Besetzung  auf  Grund  des  Beschlusses  des  Berliner  Kongresses
Rußland  vollständig  einverstanden  gewesen  war.  Da  Milan  an  Österreich-Ungarn
  eine  Stütze  suchte,  hetzte  Rußland  die  ihm  ergebenen  Politiker
  gegen  ihn,  die  eine  Reihe  von  Aufständen  hervorriefen.  Die  Erfahrungen
  mit  Rußland  hatten  Milan,  der  bis  zu  den  Ereignissen  von
1878  wic  sein  Onkel  Michail  ein  Vertreter  der  Idee  des  serbischen
Piemonts  war,  genötigt,  dieser  Sdee  zu  entsagen,  weil  Österreich-Ungarn
  allein  ihn  und  sein  Faus  stützte.  Als  König  Milan  nach  dem  unglücklichen
  Tage  von  Sliwnitza  abdanken  und  die  Regierung  seinem  minderjährigen
  Sohne  Alexander  übergeben  mußte,  hatte  Rußland  sein
längst  erstrebtes  Ziel  erreicht.  Wie  es  König  Alexander  durch  die  vom
Zaren  geförderte  Heirat  mit  Draga  Maschin  bei  seinem  eigenen  Volke
entwurzelte,  ist  noch  in  aller  Angedenken.  Oie  russische  Gesandtschaft
war  an  jener  fürchterlichen  Mordnacht  des  11.  Juni  1903  gewiß  nicht  unbeteiligt.
  Aun  kam  auf  den  blutbefleckten  Thron  jener  Peter  Karageorgevic,
  der  Rußlands  Kandidat  schon  im  Jahre  1868  gewesen  war.  Mit
ihm  kam  die  radikale  Partei,  dic  russische  Partei,  zur  vollen  Herrschaft.
Die  nationale  Befreiung  der  „unbefreiten  Serben“  in  SÖsterreich-Ungarn
  und  der  Türkei  bildete  seit  jenem  Innitage  das  Hauptziel  der  serbischen
  Politik.  „Die  Regierung  war  geradezu  im  Interesse  eines  geregelten
  Gangcs  in  der  inneren  Politik  und  um  die  unerfüllbaren  Forderungen
  der  sozialen  Freiheitsideale  des  serbischen  Radikalismus  zu
beschwichtigen,  genötigt,  die  nationale  Befreiung  der  „unbefreiten“  Serben
  als  politisches  Markotikum  zu  verwenden.ö)  In  einer  Denkschrift,  die
der  damalige  Minister  des  Auswärtigen  durch  den  damaligen  Chef  der
Propagandaabteilung  des  Ministeriums,  Sveta  Simié,  nach  dem
Regierungsantritte  König  Peters  im  März  190/]  für  diesen  verfassen
ließ,  wurde  das  Programm  der  nächsten  Zukunft  in  folgender  Weise
umrissen:

1.  Bündnis  mit  Montenegro.  Der  Fürst  muß  sich  verpflichten,

eine  gemeinsame,  von  Belgrad  aus  dirigierte  auswärtige  Politik  zu
machen.

5)  Leopold  Mandl,  Österreich-Ungarn  und  Serbien,  Wien  1911,  S.  12.