30 Zısuen: Der innere Organismus des höheren Schulwesens.
Ohne den Anteil der höheren Schule an den Gesamtaufgaben der Volkserziehung
zu überschätzen, wird man doch sagen dürfen, daß sie — und sie hat das in
Deutschland bewiesen — für die ideelle und materielle Wohlfahrt eines Volkes
geradezu in erster Linie bestimmend ist. Wie bei dem einzelnen zeit seines
Lebens in so und so vielen Dingen nachwirkt, was für eine Schule er besucht
hat, so ist auch die Beschaffenheit der Nation — und nicht nur in bezug auf
äußere Leistungsfähigkeit — mit durch die Gesamtheit der Schulen bedingt, aus
der ihre Söhne hervorgehen. Für die Gestaltung dieser Schulen aber ist neben,
ja über all den Fragen des Lehrplans und der Unterrichtsverteilung, die wir
hier erörtert haben, in entscheidender Weise maßgebend die Persönlichkeit
der Lehrenden. Die Gesundheit des inneren Organismus der einzelnen Schule
wie des gesamten Schulwesens hängt darum auch zum weitaus bedeutsamsten
Teile davon ab, daß die wissenschaftlichen Lehrer nicht nur pflichttreue Beamte,
sondern auch Männer von tiefergehenden geistigen Interessen sind, die sich
einen offenen und freien Blick für das Leben, ein klares Verständnis für “Non
scholae sed vitae’ als richtigen Wahlspruch jeder höheren Lehranstalt zu bewahren
wissen. Mit dem bloßen Stundengeben und Erledigen gewisser Lehrpensen
ist es nicht getan, auch die trefflichste und feinste Unterrichtskunst
kommt nicht voll zur wahren Geltung, wenn sie sich innerhalb des Schulorganismus
isoliert hält und es versäunıt, ihre Tätigkeit dem Querschnitt und
dem Längsschnitt des gesamten Unterrichtsverlaufes anzupassen. Und in ihrer
feinsten und wirkungsvollsten Erscheinungsform läßt sich solche Anpassung
nicht durch äußere Vorschriften erzwingen, sondern ist Sache des eigenen Taktgefühls,
der freien selbständigen Entschließung. Hält sie sich dies alles vor
Augen, so muß die Betrachtung des inneren Organismus der höheren Schulen
mit allem Nachdruck ausklingen in die Mahnung, daß von allen Beteiligten
gar nicht genug getan werden kann, um dem wissenschaftlichen Lehrerstand,
der an unseren höheren Schulen tätig ist, fortdauernd und in immer noch zunehmendem
Maße die besten Kräfte aus den gebildeten Kreisen der Nation
zuzuführen, damit ein Beruf, der eine so überaus vornehm bedeutsame Aufgabe
zu erfüllen, so hohe Ziele zu erreichen hat, die tunlichst besten Vertreter findet.