Full text : Geschichte der Hohenzollern.

—  18  —

machten  sich  damals  schon  in  den  kurfuͤrstlichen  Ländern  geltend,  denn  in  der
öffentlichen  Kasse  befand  sich  so  wenig  Geld,  daß  die  Taufe  des  jungen  Prinzen
mehrere  Monate  deöhalb  aufgeschoben  werden  mußte.  Außerdem  mangelte  es
in  der  Mark,  namentlich  auch  in  Berlin,  an  aller  Ordnung  und  Zucht,  wie  sich
dies  kund  gab,  als  im  Juni  des  Jahres  1620  etwa  2000  Mann  englischer  Truppen,
welche  König  Jakob  I.  seinem  Schwiegersohne  nach  Böhmen  zur  Hülfe  sendete,
unter  der  Anführung  des  Obersten  Grey  in  Spandau  angekommen  waren.
Da  sich  in  Berlin  das  Gerücht  verbreitete,  Markgraf  Johann  Georg  sei  mit
feindlicher  Macht  vor  den  Thoren,  um  sich  wegen  des  im  Jahre  1615  erlittenen
Schimpfes  nachdrücklich  zu  rächen,  angelangt,  so  entstand  in  der  Stadt  ein
wilder  Aufruhr.  „Der  gemeine  Haufe“,  meldet  hierüber  der  Kanzler  Pruckmann
an  den  Kurfürsten,  welcher  damals  in  Königsberg  verweilte,  „aus  Haß  gegen
die  Reformirten,  geht  knurren  und  murren,  daß  man  die  Engländer  nicht
abgetrieben  habe.“  Als  die  Engländer  daher  bei  Tempelhof  lagerten,  um  bei
Berlin  vorüber  nach  Böhmen  zu  ziehen,  erscholl  plötzlich  die  Lärmtrommel  in
der  Stadt,  die  Bürgerwehr  trat  zusammen,  und  zwar,  wie  der  Kanzler  schreibt,
„unter  Anführung  von  zwei  Leuten,  die  ihr  Lebtage  keinen  todten  Menschen  im
Felde  gesehen  hatten.  Da  war  ein  Trommelschlagen,  Platzen  und  Schießen,
auch  Schreien  überall  in  beiden  Städten  Berlin  und  Cöln  die  ganze  Nacht
hindurch,  daß  ihrer  wohl  wenige  dieselbe  Nacht  werden  geschlafen  haben,
denn  es  war  alles  besoffen,  was  da  war.  Da  hätte  man  wohlbeschaffene
Musketire  sehn  sollen;  der  eine  schoß  die  Lunte  mit  hinweg,  dem  andern  entfiel
der  Ladestecken,  dem  dritten  die  Gabel,  dem  vierten  versagte  die  Muskete  zwei
bis  dreimal,  der  fünfte  steckte  die  Nase  gar  in  die  Aermel,  wenn  er  schießen
wollte;  die  denn  geschossen  hatten,  konnten  zu  keiner  Ladung  wieder  kommen,
also  voll  waren  sie,  Summa,  man  hat  nur  lauter  Schimpf  gehabt.  Wie  es
Morgens  drei  Uhr  schlug,  liefen  die  Wachen  ganz  ungeberdig  davon,  und  die
wiederum  an  die  Wache  treten  sollten,  waren  nicht  vorhanden.  Da  rannte  ein
Kerl  über  eine  Stunde  herum,  und  machte  auf  dem  Kalbfell  ein  Gerassel,  ehe
er  die  andern  wieder  zu  Haufen  bringen  konnte.  Eine  andere  Rotte,  über  siebzig
Mann  stark,  so  gar  nicht  aus  den  Bürgern  gewesen,  hat  sich  dahinter  auf  dem
Werder  in  Haufen  rottirt,  und  haben  die  ganze  Nacht  auf  dem  Dudelsack  spielen
lassen,  auch  eine  Wagenburg  von  Tücherwagen  um  sich  geschlagen.“  Wer  wird
nicht  durch  diese  Schilderung  an  ähnliche  Vorfälle  neuerer  Zeit  erinnert?

Die  Kurfürstin,  welche  noch  von  dem  Wochenbett  angegriffen  war,  gerieth
über  den  wilden  Lärm  in  große  Aufregung,  und  auch  der  junge  Prinz  wurde
durch  das  unaufhörliche  Schießen  dermaßen  erschreckt,  daß  man  einen  Hofbedienten
  absandte,  der  sich  bei  der  Bürgerschaft  über  das  unziemliche  Benehmen
beklagen  sollte.

Nach  vollzogener  Taufe  ging  die  Kurfürstin  zu  ihrem  Gemahl  nach
Königsberg,  die  fürstlichen  Kinder  aber  blieben  in  Berlin  unter  weiblicher  Obhut
zurück.  Vom  sechsten  Jahre  an  begann  der  Unterricht  des  Kurprinzen,  und