Full text : Fürst Bülows Reden. 1. Band 1897-1903. (1)

Oktober  1902.  361

noch  eine  Zufuhr  von  Nahrungsmitteln  notwendig,  und  wir  werden  derselben
  bei  der  stetigen  und  raschen  Zunahme  unserer  Bevölkerung  voraussichtlich
  noch  lauge  bedürfen.  Deshalb  haben  auch  diejenigen  Staaten,
die  für  ihren  Ueberschuß  von  Getreide  auf  die  Ausfuhr  in  unser  Zollgebiet
  angewiesen  sind,  ein  Interesse  daran,  für  die  Zulassung  ihres  Getreides
  auf  unseren  Markt  nach  den  Sätzen  unseres  Minimaltarifs  uns
Zugeständnisse  zu  machen  in  ihrem  Zolltarif  für  die  Einfuhr  unserer
Industricerzeugnisse  in  ihr  Zollgebiet.  Diejenigen  Staaten,  mit  denen
wir  im  Handelsvertragsverhältnis  stehen,  haben  das  gleiche  Interesse  an
der  Erhaltung  des  deutschen  Marktes,  dieses  für  ihre  Ausfuhr  an  Getreide,
  für  ihre  Ausfuhr  an  allen  sonstigen  Rohstoffen  so  hochwichtigen
Absatzgebiets,  das  wir  daran  haben,  uns  unsere  bisherigen  Absatzquellen
für  unsere  Fabrikate  auch  ferner  erschlossen  zu  sehen.  Aber  höher  und
weiter  dürfen  wir  mit  den  Mindestsätzen  nicht  gehen.  Dieser  Tarifentwurf,
meine  Herren,  ist  das  Ergebnis  eines  Kompromisses  nach  langen  und
mühevolleu  Beratungen  unter  den  verbündeten  Regierungen.  Bei  der
Aufstellung  des  Tarifentwurfs  ist  von  den  verbündeten  Regierungen  als
Hauptgesichtspunkt  daran  festgehalten  worden,  daß  dieser  Tarif  ein  Mittel,
ein  Instrument  sein  soll,  um  wieder  zu  Handelsverträgen  zu  gelangen.
Von  diesem  Gesichtspunkt  aus  war  von  mehr  als  einer  Seite  die  Einfügung
  von  Mundestsätzen  in  den  Tarifentwurf  als  ein  erschwerendes
Moment  für  Handelsverträge  bezeichnet  worden.
(Hört!  hört!  links.)

Die  verbündeten  Regierungen  sind  trotzdem  in  dieser  Richtung  den  von
mir  vertretenen  und  befürworteten  Wünschen  der  Landwirtschaft  entgegengekommen,
  aber  mit  dem  Vorbehalt,  daß  dadurch  der  Abschluß  von  Handelsverträgen
  nicht  vereitelt  werden  dürfe.

Es  ist,  meine  Herren,  —  diesen  Punkt  möchte  ich  noch  in  aller  Kürze
streifen  —  vielfach  gesagt  worden,  die  Industriezölle  des  Entwurfs
seien  im  Verhältnis  zu  den  Agrarzöllen  zu  hoch  gegriffen;  durch  die  dadurch
  bewirkte  Preissteigerung  für  Maschinen,  Geräte  und  soustige  Bedarfsartikel
  würden  die  Produktionskosten  für  die  Landwirtschaft  unverhältnismäßig
  erhöht,  und  die  Landwirte  fänden  in  den  zu  niedrigen  agrarischen
Zöllen  hierfür  keinen  genügenden  Ersatz.  Meine  Herren,  es  ist  ja  richtig,
daß  die  Zölle  auf  einzelne  Industrieerzeugnisse,  in  denen  viel  Arbeit  und
infolgedessen  ein  hoher  Wert  steckt,  bedeutend  erhöht  worden  sind.  Es
handelt  sich  aber  doch  da  um  Artikel,  die  bisher  zum  Schaden  der  betreffenden
  Industriezweige  zu  niedrig  tarifiert  waren.  Im  allgemeinen  ist
es  nicht  der  Zweck  dieses  Tarifentwurfs  —  und  das  ist  ja  auch  in  seiner