Volltext : Bismarck. Sein Leben und sein Werk.

Bismarck  in  Babelsberg;  er  wird  Ministerpräsident  191

Welche  Empfindungen  Bismarck  in  diesen  Tagen  erfüllten,
sagt  uns  ein  Brief  an  seine  Frau:  „Du  wirst  aus  den  Zeitungen
unser  Elend  schon  ersehen  haben.  Ich  bin  zum  Minister  mit  interimistischem
  Vorsitz  ernannt,  bis  Fürst  Hohenzollern  seinen  Abschied
  in  Händen  hat,  dann  werde  ich  definitiv  Ministerpräsident
und  übernehme  später  auch  das  Auswärtige  ..  .  Das  Alles  ist
nicht  erfreulich,  und  ich  erschrecke  jedesmal  darüber,  wenn  ich  des
Morgens  erwache.  Aber  es  muß  sein  .  .  Ergieb  Dich  in  Gottes
Schickung.  Leicht  ist  die  Sache  mir  ohnehin  nicht.“  Auch  das
„Leben  auf  dem  Präsentirteller“,  das  ihm  bevorstand,  fand  er
unbehaglich;  zumal  auf  Reisen  schien  es  ihm  lästig,  auf  jeder
Station  angegafft  zu  werden  „wie  ein  Japanese“  oder  „wie
ein  neues  Nilpferd  im  zoologischen  Garten“.

Am  24.  September  trat  er  sein  Amt  an.  Einen  Tag  zuvor
waren  im  Abgeordnetenhause  nach  siebentägiger  Debatte  die
Neuausgaben  für  die  Armee  mit  273  gegen  68  Stimmen  gestrichen
  worden.  Man  wollte  die  Gelder  nur  weiter  bewilligen,
wenn  die  Dienstzeit  auf  zwei  Jahre  herabgesetzt  würde;  der
König  aber,  der  Kriegsminister  von  Roon  und  der  Chef  des
Generalstabs  von  Moltke  waren  der  Meinung,  daß  es  ohne
die  dreijährige  Dienstzeit  nicht  gehe.

In  diese  Situation  trat  Bismarck  ein.  Am  29.  September
erschien  Bismarck  zum  erstenmal  als  Minister  in  der  Kammer.
Er  erklärte  im  Namen  des  Staatsministeriums,  daß  die  Regierung
  das  Budget  für  1863  zurückziehe,  da  „die  Ergebnisse
einer  sofortigen  Beschlußnahme  über  den  Etat  von  1863  der
zukünftigen  Erledigung  der  streitigen  Fragen  nicht  förderlich
sein,  sondern  die  Schwierigkeiten  derselben  erheblich  vermehren“
würden.  Die  Regierung  beabsichtige  „nicht,  den  Grundsatz  aufzugeben,
  daß  die  Etats  in  Zukunft  zeitig  genug  vorgelegt
werden,  um  ihre  Feststellung  vor  dem  Beginn  des  Jahres,  für
welches  sie  bestimmt  sind,  möglich  zu  machen.  Sie  halte  nur
in  dem  gegenwärtigen  Fall  für  ihre  Pflicht,  die  Hindernisse
der  Verständigung  nicht  höher  anschwellen  zu  lassen  als  sie
ohnehin  seien“.  Auch  in  der  Sitzung  der  Budgetkommission,
die  infolge  dieser  Erklärung  noch  am  gleichen  Tag  abgehalten