V. Krieg, Gewerbe und Handel 113
Mit einem ungeheuren Ruck vollzog sich in den ersten Cagen des August
eine völlige Umschaltung der deutschen Volkswirtschaft. Die außer—
ordentliche Plötzlichkeit, mit der der Krieg hereinbrach, den unsere Feinde
von langer Hand sorgfältig vorbereitet hatten, mußte gerade für Deutschland
folgenschwere Wirkungen haben; und es ergaben sich, verglichen mit den
Verhältnissen unserer Gegner, daraus mancherlei empfindliche Benachteiligungen
für uns, von denen jene vollständig oder doch nahezu ganz verschont
blieben.
Natürlich strebten die Schiffe deutscher Flagge, soweit sie auf hoher See
auf drahtlosem Wege die Nachricht vom Ausbruche des Krieges mit Rußland
und Frankreich erhielten, unverzüglich den nächstgelegenen neutralen Häfen
zu. Das waren natürlich häufig englische oder die englischer Kolonien. Bis
zur Kriegserklärung Englands vergingen noch drei volle Tage. Als sie erfolgte,
gab es für alle deutschen Schiffe, die jene Häfen angelaufen hatten,
kein Entrinnen mehr. An allen Enden der elt lauerte nun der Keind,
und so fiel manche wertvolle Ladung in seine Hände, um, wenn auch nicht
augenblicklich vernichtet, so doch für die Dauer des Krieges der heimischen
Dolkswirtschaft entzogen zu werden.
Eine der kostbarsten Ladungen, die jemals den Atlantischen Ozean gekreuzt
haben, konnte noch in Sicherheit gebracht werden. Sie befand sich
an Bord des Schnelldampfers des Norddeutschen Llopd „Kronprinzessin
Cäcilie“, der unter anderm für 45 Millionen Mark Gold an Bord hatte. Als
die Schiffsleitung in nicht allzugroßer Entfernung von der englischen Küste
vom Ausbruche der Feindseligkeiten mit England Kenntnis erhielt, wandte
sie sofort den Kurs, und dem entschlossenen Kapitän gelang es, trotz der
Mähe englischer Kriegsfahrzeuge das Schiff heil und unversehrt in den amerikanischen
Hafen zu bringen.
Su Tande fielen große Materialtransporte, die unmittelbar vor Kriegsausbruch
an die belgischen und französischen Eisenbahnverwaltungen übergeben
waren, in die Bände des Feindes, und manche Sendung, die von
der deutschen Eisenindustrie auf den Weg gebracht war, lieferte so seinen
Gegnern bei der Ausführung von Befestigungs= und Derteidigungswerken
wertvolle Beihilfe.
Aber nicht nur in den Transport deutscher Güter zu Lande und zu Wasser
griff der Krieg vernichtend ein. Bis zum letzten Tage war auch der internationale
Geldverkehr von deutscher Seite nabezu uneingeschränkt aufrecht
erhalten worden. Erst geraume Seit später mußten wir erfahren, daß England,
Frankreich und Belgien schon tagelang zuvor in der Erfüllung der übernommenen
Sahlungs= und Anweisungsverpflichtungen sehr zurückhaltend
gewesen waren, und daß besonders die englischen Kabelgesellschaften, die den
Sahlungsverkehr mit Ubersee nahezu beherrschen, schon eine Reihe von
Tagen vor Eröffnung der Feindseligkeiten achrichten zurückgebhalten hatten,
die eine Uberweisung fremdländischer Gelder nach Deutschland oder deutscher,
in England liegender Guthaben ans Ausland bezweckten.
Im Geschäftsverkehr des Inlandes waren die Wirkungen des
Kriegsausbruchs in den ersten Tagen überaus augenfällig. Mit einem Schlage
Staatsbürgerl. Belehrungen in der Kricgszeit. 8