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Ausführung:
Lach dem Zusammenbruch der preußischen Macht in der Doppel-
schlacht Jena- berstätt wurde neben anderen durchgreifenden Ande-
rungen und Verbesserungen auch die allgemeine Wehrpflicht ins Leben
gerufen. Von begeisterter Vaterlandsliebe gezeugt, ist sie der
Grundpfeiler unserer heutigen Macht und Stärke. Das Gesetz bietet
entgegen dem anderer Staaten, den Vorteil, daß jeder Deutsche, der
das 20. Lebensjahr erreicht hat und gesund und kräftig ist, dienen
muß. Für die deutsche Jugend ist die Wehrpflicht und die Dienst-
zeit eine gute Schule in körperlicher und geistiger Beziehung.
Der Wert der Ausbildung in körperlicher Beziehung wird uns
jedes Jahr vor Augen geführt. Der elterlichen Zucht entwachsen
durch einseitige Arbeit oft entstellt und durch den Zivilberuf nicht
selten an der Gesundheit gefährdet, treten die jungen Leute zum
Heere, um es als gesunde, kräftige und gewandte Menschen wieder
zu verlassen. Was bringt nun diese Wandlung hervor? Gleich beim
intritt in das militärische Leben empfindet der junge Rekrut den
gewaltigen Unterschied gegen das frühere Zivilleben. Die Bequem-
ichkeiten, die er sich früher bieten konnte, sind nicht mehr vorhanden.
In erster Linie gaend es Ordnung und Regelmäßigkeit, viel Bewegung
neben kräftiger Kost, die den jungen Mann einerseits vor Ausschwei-
fung schützen, anderseits sein Wohlbefinden fördern.
Freiübungen und Turnen verhindern die Neigung zur Einseitig-
keit, Exerzieren und Felddienstübungen erregen Appetit und tragen
zur Kräftigung des ganzen Körpers bei. Nach und nach lernt er
selbst die schwersten Anstrengungen bei Hitze und Kälte ertragen.
Durch diese ÜUbungen, die meist im Freien in gesunder, frischer Luft
stattfinden, wird der Soldat gegen Witterungseinflüsse abgehärtet
und so den Krankheiten weniger empfindlich gemacht.
Aber auch in geistiger Beziehung wird der Soldat geweckt und
gefördert, denn die militärische Lebensweise und der Unterricht, wie
der ganze innere und äußere Dienstbetrieb erregt den Geist und die
Aufmerksamkeit. Durch den militärischen Unterricht wird er zum
schnellen Denken und Handeln angespornt. Auf schlagfertige, treffende
Antworten wird großer Wert gelegt, und selbständiges, rasches und
doch überlegtes Handeln ist namentlich bei Felddienstübungen unbe-
dingt erforderlich. Aber noch andere schöne Tugenden können ch
entfalten. Die knappe Löhnung zwingt ihn zur Sparsamkeit un
lernt ihm, mit wenigem zu rirschafte Durch militärische Ein-
richtungen wird er zur Ordnungsliebe und Pünktlichkeit erzogen.
Vor allem lernt auch jetzt sein Gemüt anders empfinden. Das
kameradschaftliche Gefühl erwacht und treibt oft herrliche Blüten.
Aus der guten Kameradschaft, die der Soldat während seiner Dienst-
zeit gepflegt hat, erhält sich im späteren Leben manch innige Freund-
schaft bis ins hohe Alter hinein.
Die militärische Ausbildung verlangt unbedingten Gehorsam
und pünktliche Ausführung der gegebenen Befehle. Für das spätere
Leben ist dieses von größter Wichtigkeit, denn das Sprichwort sagt:
„Wer befehlen will, muß selbst gehorchen gelernt haben.“ Ordnungs-
iebe, Reinlichkeit und Pünktlichkeit sind Eigenschaften, die, wenn
sie gut gepflegt, für sein späteres Fortkommen sehr vorteilhaft sind.