Full text: der Weltkrieg 1914. Band 2. (1)

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Es wäre wohl genug geschehen, wenn nach der gewaltigen Zustim- 
mungskundgebung, die dicsen Schlußworten des Kanzlers folgte, die neuen 
Fünfmilliarden-Kredite ohne weitere Erörterung einmütige Annahme 
gefunden hätten; denn was man in den Abgeordnetenkreisen im einzelnen 
zu sagen auf dem Herzen hatte, das gehörte nicht zu diesen Fünf- 
milliarden-Krediten, sondern es waren im wesentlichen Fragen der wirt- 
schaftlichen Kriegführung, die sich nicht zur öffentlichen Er- 
örterung während der Kriegszeit eignen und die man daher anschließend 
an die dem Reichstag unterbreitete Denkschrift über die wirtschaftlichen 
Maßnahmen aus Anlaß des Krieges in der sogenannten „Freien Kom- 
mission“ eingehend besprochen hat. 
Dafß diese „Freie Kommission“, die vor der Vollversammlung des 
Reichstages bereits reichliche Arbeit geleistet, am Tage nach der Voll- 
versammlung abermals zusammentreten mußte, erweist, daß man in der 
Tat in Sachen der wirtschaftlichen Kriegführung recht viel auf dem Herzen 
hatte. Auch hier wieder darf hervorgehoben werden, daß die national- 
liberale Partei und Presse zur rechten Zeit unermüdlich hin- 
zuwirken versucht hat auf wirtschaftliche Kriegsvorsorge. Im übrigen sei 
ein Zurückkommen auf die erwähnte Denkschrift vorbehalten. In der 
öffentlichen Reichstagssitzung blieb sie füglich aus dem Spiel. 
Die Aussprache beschränkte sich darauf, daß der Abgeordnete Haase 
namens der sozialdemokratischen Fraktion nochmals den theoretischen Vor- 
behalt gegen den Krieg im allgemeinen, aber doch gleichzeitig die prak- 
tische Zustimmung zur unermüdlichen Fortsetzung des uns aufgezwun- 
genen Kampfes aussprach. Neben einer Steigerung der sozialen Fürsorge 
verlangte der Redner auch eine Erweiterung der Prehrechte. 
Namens aller anderen Parteien des Reichstages begnügte sich der 
Abgeordnete Dr. Spahn mit der Erklärung, daß auch sie die soziale 
Fürsorge nach Kräften betreiben, daß aber heute jede andere Rücksicht 
zurückzutreten habe hinter dem obersten Verlangen, den uns freventlich 
aufgezwungenen schwersten aller Kriege durchzuhalten, bis ein Friede er- 
rungen ist, der den ungeheueren Volksopfern entspricht. 
Als es zur Abstimmung über die neue Fünfmilliarden-Vorlage kam, 
fand sich unter den fast vierhundert Vertretern des deutschen Volkes 
einer, der in schwerer Schicksalsstunde dem Vaterlande die Mittel für 
die Fortführung seiner Verteidigung zu versagen den kläglichen Mut 
hatte — einer, von dem es uns nicht weiter wundernehmen kann, nachdem 
er gelegentlich eines Aufenthaltes in Belgien die Sache der Franktireure 
zu verteidigen für gut befunden. Doch wer wird sich lange befassen mit 
dieser einen Kreuzung von Hysterie und Herostratie — deutsche Worte 
wären uns für die Bezeichnung so undeutschen Wesens zu schadel 
Möge sich ob dieses einzelnen Ausnahmesalles niemand der Täuschung 
hingeben, als könnte in der sozialdemokratisch gerichteten deutschen 
Arbeiterschaft eine Abbröckelung stattfinden von der Entschlossenheit, den 
Krieg durchzuhalten. Im Gegenteil! Ursprünglich für die Verteidigung 
des Vaterlandes im wesentlichen mit der Begründung eintretend, daß es 
sich um einen Krieg gegen den russischen Zarismus handle, ist die sozial- 
demokratische Presse je länger je mehr durch das Verhalten Englands 
während des Krieges zu der Ueberzeugung bekehrt worden, daß Eng- 
land einen wirtschaftlichen Vernichtungskrieg gegen 
uns führen will, der gerade auch die Interessen der deutschen Arbeiter- 
  
 
	        
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