Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierunddreißigster Jahrgang. 1918. Erster Teil. (59a)

364  Deutsches  Neich.  (Okt.  22.—20.)

Deutschland  verhängnisvollen  System  fordern.  Jeder  Versuch  einer  militärischen
  Nebenregierung  muß  mit  aller  Entschiedenheit  zurückgewiesen
werden.  Der  Geist  militärischer  Ueberhebung  und  Bevormundung  hat  auch
bei  der  Handhabung  des  Belagerungszustandes  zu  unsäglich  trüben  Erfahrungen
  geführt.  Hier  hat  sich  ein  Zustand  krassester  Willkür  und  Diktatur
herausgebildet,  der  geistig  und  politisch  geradezu  verwüstend  wirken  mußte.
Jedenfalls  muß  sofort  die  Sicherstellung  der  persönlichen  Freiheit,  des
Versammlungsrechts  und  der  Preßfreiheit  durchgeführt  werden.  Den  vom
Reichskanzler  erwähnten  Erlaß,  wonach  der  Oberbefehlshaber  alle  seine
Anordnungen  im  Einverständnis  mit  dem  Reichskanzler  zu  treffen  hat,
begrüßen  wir.  Das  ist  aber  nicht  genug.  Das  Belagerungszustandsgesetz
muß  geändert  werden.  Der  Einfluß  des  Militärs  muß  auf  die  rein  strategischen
  Fragen,  auf  die  tatsächlich  militärischen  Angelegenheiten  eingeschränkt
werden.  Es  erregt  den  größten  Unwillen  im  Lande,  daß  noch  immer  stellvertretende
  kommandierende  Generäle  im  Amte  sind,  die  sich  bei  Ausübung
des  Belagerungszustandes  wie  Tobsüchtige  gebärden.  Hier  muß  endlich
gründlich  Wandel  geschaffen  werden.  Zugleich  muß  aber  den  bisherigen
Opfern  des  Belagerungszustandes  Gerechtigkeit  widerfahren.  So  erfreulich
es  ist,  daß  die  erste  Maßnahme  der  Regierung  die  Durchsetzung  der  Amnestie
  war,  so  müssen  wir  doch  verlangen,  daß  die  Amnestie  vollständig
und  restlos  ist.  Ich  kann  erfreulicherweise  auf  den  Teil  meiner  Rede,  der
den  Fall  Liebknecht  behandeln  sollte,  verzichten,  weil  ich  inzwischen  erfahren
habe,  daß  Liebknecht  bereits  in  Freiheit  gesetzt  ist.  Aber  ich  muß  doch  hinweisen
  auf  die  unglücklichen  Matrosen,  die  wegen  Unbesonnenheiten  zu
schweren  Strafen  verurteilt  worden  sind.  Auch  ihnen  muß  die  Amnestie
gerecht  werden.  Die  natürliche  Folge  der  Amnestie  muß  auch  sein,  daß  die
Verurteilten  in  den  besetzten  Gebieten  in  sie  eingeschlossen  werden  und  daß
den  immer  noch  aus  ihrem  Lande  verbannten  Elsaß-Lothringern  baldigste
Rückkehr  in  ihre  Heimat  ermöglicht  wird.  So  viel  von  den  dringenden  Aufgaben
  des  Augenblicks.  Zu  einem  vollständigen  Programm  der  nächsten
Aufgaben  fehlt  noch  viel.  Die  während  des  Krieges  vorgenommene  Reform
der  Wahlkreiseinteilung  zur  Reichstagswahl  war  nur  eine  Abschlagszahlung.
Nur  das  allgemeine,  im  ganzen  Reich  durchgeführte  Verhältuiswahlrecht
kann  die  Basis  einer  wirklichen  Volksvertretung  werden.  Auch  unsere  Frauen
dürfen  nicht  länger  politisch  rechtlos  sein.  Unsere  ganze  Verwaltung  von
oben  bis  unten,  Staatsverwaltung  wie  Selbstverwaltung,  müssen  auf  neue
Grundlagen  gestellt  werden.  Der  alte  Junkergeist  muß  überall  ausgeräuchert
werden,  soll  das  neue  Deutschland  Wirklichkeit  werden.  Aber  auch  die
wirtschaftliche  Not  unseres  Volkes  stellt  an  uns  große  Anforderungen.
Charakteristisch  ist,  daß  in  dieser  Schicksalsstunde  unseres  Volkes  der  Bund
der  Landwirte  in  einem  Aufruf  die  Organisation  unserer  Volksernährung
als  soz.  Zwangswirtschaft  zu  diskreditieren  sucht.  Täusche  man  sich  nicht
über  die  Stimmung  des  Volkes.  Eine  wirtschaftliche  Sabotage  der  Volksernährung
  müßte  zur  Katastrophe  führen  auch  für  die  Landwirtschaft.  Die
Not  des  Volkes  erfordert  die  schärfste  Erfassung  aller  Nahrungsprodukte
und  da  ist  vor  allem  beim  preuß.  Großgrundbesitz  viel  nachzuholen.  Der
schwungvolle  Schleichhandel  ist  der  beste  Beweis,  wie  mangelhaft  die  Erzeugnisse
  für  die  öffentliche  Bewirtschaftung  erfaßt  werden.  Jetzt,  wo  wir
die  Friedensarbeit  in  Fluß  gebracht  haben,  drängen  uns  die  Verhältnisse
die  ungeheuersten  sozialpolitischen  Aufgaben  auf:  Demobilisation  der  Riesenarmeen
  draußen,  der  arbeitenden  Frauenheere  drinnen,  die  Beschaffung  von
Arbeit  und  Brot  für  die  heimkehrenden  Soldaten  und  die  Arbeiter  der
Kriegsindustrie,  die  Umstellung  unserer  gesamten  Wirtschaft  auf  die  schon
halb  vergessene  Friedensarbeit,  die  Wiederanknüpfung  des  Weltverkehrs  und