Full text: Archiv für öffentliches Recht. Band 41 (41)

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noch immer leidet®”. Es ist der große Mangel an einheitlichem 
nationalem Empfinden, das nur in ganz seltenen Fällen, wo große 
Fragen und Ereignisse, wie zuletzt der Ausbruch des Welt- 
krieges, das ganze Volk ergreifen und erschüttern, einmal her- 
vortritt, sonst aber in Hinsicht auf innere und äußere Politik 
fast immer zu vermissen ist. Solange das aber so ist und bleibt, 
ist das deutsche Volk noch nicht reif für das parlamentarische 
Regierungssystem, ja noch nicht reif zur Demokratie. Denn es 
vermag noch nicht sich selbst zu beherrschen und aus sich selbst 
heraus seine wahren und starken Führer zu finden. Solcher Führer 
bedarf es aber jetzt dringender als je. Wir haben im letzten 
Weltkriege große Heerführer, wir haben aber keine großen Regen- 
ten und leitenden Staatsmänner gehabt, und nur daran sind wir 
zugrunde gegangen, nicht an der monarchischen Staatsform als 
solcher, unter der wir groß geworden waren, nicht an der Ueber- 
macht unserer äußeren Feinde, denn ihr war unser Heer gewachsen, 
auch nicht an der Lockerung und Unterwühlung der festen Orga- 
nisation dieses Heeres und dem Umsturze unserer Staatsordnung 
durch aufrührerische Elemente, denn erst die Schwäche der Regie- 
rung hatte diese emporkommen lassen. Auch in diesem schwersten 
aller Kriege sind wir schließlich nur durch uns selbst geschlagen 
worden und haben damit wieder das alte Wort des Tacitus wahr 
gemacht: Germanen können nur durch Germanen besiegt werden. 
Die Erkenntnis der Notwendigkeit einer starken Regierung durch- 
dringt aber auch heute je länger je mehr alle Schichten des Vol- 
kes. Dieses Verlangen nach fester, geschlossener Führung macht 
sich geltend auch in jenen Kreisen, die seinerzeit den Umsturz 
und den Uebergang zur republikanischen Staatsform begrüßt haben 
mögen. Durch das parlamentarische System allein aber wird es 
—— 
8° 5, hierzu auch BORNHAK, Reichsverf. 2. Aufl. S. 54: „Da bei der 
deutschen Parteizersplitterung keine Partei für sich die Mehrheit besitzt, 
ist das parlamentarische System in Deutschland auf Parteiverbindungen 
angewiesen.*
	        
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