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bei der politischen Unreife®® und der Parteizersplitterung des
deutschen Volkes nie erfüllt werden, sondern nur durch eine
Regierungsform, bei der die wirklichen, lebendigen Kräfte des
Volkes im Staatsleben wirksam werden und als Arıstokratie im
wahren Sinne des Wortes zur Erscheinung kommen können °®”.
Nur die „Wägsten und Besten“, wie ein alter deutscher Ausdruck
lautet, sind berufen, das Volk zu vertreten und den Staat zu
regieren, das ist der ursprüngliche Gedanke der wahren Aristo-
kratie, zugleich aber auch die Verwirklichung echter Demokratie.
Denn das ganze Volk als solches kann nicht über das ganze Volk
herrschen, darin liegt ein innerer Widerspruch. Es kann und
soll aber regiert werden durch auserlesene, sittlich und geistig
hochstehende und einsichtige Führer und Vertreter seiner gesamten
Interessen, die nicht um ihrer selbst willen, sondern nur herrschen,
um dem ganzen Volke zu dienen °. Solche wahrhaft berufene
Staatslenker zu finden, ist das große Problem, um das es sich hier
88 Aur den Mangel an politischer Begabung weist auch NAWIASKY
a. a. OÖ. S. 35 hin. „Habe doch das deutsche Volk erst seit anderthalb
Geschlechtern seine politische Organisation gefunden. Allerdings sei schwer
zu sagen, wo Ursache, wo Wirkung liege. Ob es so spät seine politische
Organisation gefunden habe, weil ihm der Mangel an politischer Befähigung
anhafte, oder sich dieser Mangel daraus erkläre, daß es so spät seine poli-
tische Organisation gefunden habe.* Mir scheint, Ursache und Wirkung
fallen hier zusammen.
s® Die Notwendigkeit einer starken Regierung erkennt auch LUSENSKY
a. a. OÖ. S. 159 unumwunden an. Er int sich aber, wenn er glaubt solche
gerade mit dem parlamentarischen System erreichen zu können, daß es ein
nicht zu bestreitender Vorzug dieses Systems sei, daß sich die Regierung
auf eine Parlamentsmehrheit stütze, auf deren grundsätzliche Zustimmung
zu ihrer Geschäftsführung sie im allgemeinen rechnen könne; „gerade in
dieser Sicherung der Untersützung durch eine geschlossene Mehrheit in der
Volksvertretung liege eine starke Kraftquelle, die der Regierung ein ent-
schiedenes, tatkräftiges Vorgehen ermögliche.* Dies mag in den Zeiten
des klassischen englischen Parlamentarismus in England der Fall gewesen
sein, für die heutigen Verhältnisse in Deutschland trifft es aus den oben-
genannten Gründen jedenfalls nicht zu.
» S, hierzu auch Fick, Deutsche Demokratie S. 8.