Full text: Staatslexikon. Erster Band: Abandon bis Elsaß-Lothringen. (1)

1259 Deutsches Reich. 1260 
Die Zahl der Reichsausländer hat seit 1871 seines Bedarfs, den Konsum von 11 Monaten, 
stetig zugenommen mit Ausnahme des Zeitraums selbst zu decken, ein Moment, das für die na- 
1875/80, wo eine kleine Abnahme stattfand; sie tionale Unabhängigkeit des Reichs die weitest- 
betrug 1871: 206 755 Köpfe (0,5 % der Reichs= gehende Bedeutung hat. Sonstige wichtige Feld- 
bevölkerung), 1905: 1.028 560 Köpfe (1,7 %). früchte sind die Kartoffel, dann auch Klee und 
Das größte Kontingent stellen Osterreich-Ungarn Luzerne, die Maisgewinnung ist unbedeutend. 
(51,12 %% von der Gesamtheit der Ausländerh, Ein Teil der Kartoffel= und auch der Weizen- 
Rußland (10,37 %), die Niederlande (9,82 %), erzeugung wird zur Stärkegewinnung verwendet, 
Italien (9,54 %) und die Schweiz (6,12 ⅝%). und zwar zum weitaus größten Teil im landwirt- 
Bezüglich des Religionsbekenntnisses schaftlichen Nebenbetrieb. Ebenso ist die deutsche 
wurden folgende Zahlen ermittelt (s. die Tabelle Branntweinerzeugung, die bei weitem die erste der 
auf Sp. 1261/62). Welt ist und vor allem aus Kartoffeln, weiterhin 
Im allgemeinen sind der Norden und die Mitte aus Getreide, Obst u. dgl. erfolgt, fast immer mit 
evangelisch, Süddeutschland, der Westen und der der Landwirtschaft verknüpft. Von größter Be- 
slawische Osten katholisch. Ganz oder vorwiegend deutung ist der Zuckerrübenbau (über 400 000 ha 
katholisch sind die ehemaligen geistlichen Besitzungen in Schlesien, Posen, Provinz Sachsen, Anhalt, 
in Westfalen und Rheinland, Elsaß-Lothringen, Braunschweig). Die deutsche Rübenzuckerindustrie 
Baden, Hohenzollern, die altbayrischen Lande, (jährlich etwa 2 Mill. t Rohzucker) läßt alle Rüben- 
Oberschlesien, Posen und die von Polen bewohn= zuckerländer weit hinter sich und kommt fast der 
ten Striche in West= und Ostpreußen (Ermland); Masse des gesamten auf der Erde erzeugten Rohr- 
katholische Enklaven sind ferner die ehemaligen zuckers gleich. Die Produktion überschreitet bei 
Besitzungen der Bistümer Bamberg, Würzburg weitem den heimischen Bedarf. Die Tabakkultur, 
und Mainz in Ober= und Unterfranken und am stärksten in Baden und Ostpreußen, hat an 
das einst kurmainzische Eichsfeld. Die ständig Ausdehnung verloren. Fast ⅜8 des Bedarfs an 
zunehmende Binnenwanderung führt jedoch zu Rohtabak der deutschen Tabakindustrie, die teils 
einer immer größeren Vermischung der Konfes= Fabrik= teils Hausindustrie ist, wird vom Aus- 
sionen. Die jüdische Bevölkerung ist außer in land gedeckt. Im Tabakverbrauch (jährlich über 
Rußland und OÖsterreich-Ungarn in keinem Land 9000000 de-) steht das Reich an zweiter Stelle 
Europas zu so großer Anzahl und solcher Geltung (an erster die Vereinigten Staaten). 
gekommen wie in Deutschland. Vorwiegend ist sie Im Weinbau (120000 ha Fläche; die deutschen 
in den Städten ansässig, am dichtesten in den pol--Weine sind sehr hochwertig, der Ertrag je nach den 
nischen Landesteilen und in den Rheingegenden. Witterungsverhältnissen sehr schwankend) nimmt 
Große jüdische Kolonien haben Königsberg, Posen, das Reich hinsichtlich des Produktionswertes je 
Breslau, Berlin, Hamburg, Frankfurt a. M., nach Güte des Erzeugnisses die 4. oder 5. Stelle 
Fürth u. a. ein; es wird übertroffen von Italien, Frankreich 
Über die Verteilung der Bevölkerung nach dem und Spanien, bisweilen auch von Osterreich- 
Beruf vgl. den Art. Gewerbe= und Berufs-AUngarn. Ein Teil des Ernteertrags wird zur 
zählung. Schaumweinherstellung verwendet. Die Wein- 
V. Wirtschaftliche Berhälknisse. Unter dem einfuhr überragt die Ausfuhr aber doch um fast 
produktiven Boden des Reichs (90,7% der Ge= das Doppelte. Im Hopfenbau (etwa 40 000 ha 
samtfläche) steht das Ackerland mit 48,5% im Fläche, ganz besonders in Mittelfranken) steht 
Vordergrund. Infolgedessen nimmt auch der Deutschland an der Spitze. Ebenso ist die deutsche 
Körnerbau die erste Stelle ein. Hauptfrucht ist der Biererzeugung die erste der Welt, relativ ist sie in 
Roggen, sein eigentliches Gebiet ist der östliche und Bayern dreimal, in Baden und Württemberg 
südliche Teil der norddeutschen Tiefebene. In der zweimal so stark als in Norddeutschland. Der 
Roggen= und ebenso in der Gerstenerzeugung wird jährliche Bierverbrauch (120 1 auf den Kopf) ist 
das Reich nur von Rußland, in der Hafererzeu- nur in England und Belgien größer. Der Obst- 
gung nur von Rußland und der amerikanischen bau, namentlich im südlichen und mittleren Deutsch- 
Union übertroffen. In der Weizenproduktion land von hoher Bedeutung, deckt den heimischen 
kommt es jedoch erst an 7. Stelle unter den Ge= Bedarf bei weitem nicht (jährliche Obsteinfuhr 
treideländern der Welt. Etwa ½0 der gesamten elwa 60 Mill. M). 
Erzeugung an Brotgetreide (Roggen und Weizen) Die Forstwirtschaft hat einen hohen Aufschwung 
fällt auf Deutschland. Bei Roggen ist in der genommen, wenn auch die Einfuhr (1905: 
Regel (der verschiedene Ernteausfall verursacht 286 Mill.) an Holz größer ist als die Ausfuhr 
natürlich Schwankungen) etwa ½0½, bei Hafer noch# (etwa 50 Mill. M). Die Waldfläche beträgt noch 
nicht 1/20, bei Weizen und Gerste rund 3/10 des ein Viertel des Gesamtareals (13,7 Mill. ha). 
Bedarfs auf Zufuhr von außen angewiesen. Nur Der Bestand ist sehr ungleich verteilt und nimmt 
infolge der großen Intensität des Betriebs (durch= von Süden nach Norden, und im Norden wieder 
schnittlicher Ertrag auf 1 ha bei Weizen: 20 d2, 1 von Osten nach Westen ab. 30 % der deutschen 
bei Roggen und Hafer 16 dz, bei Gerste 18 d) Wälder sind Staats-, 3 % Kron-, 20⅝% Ge- 
vermag Deutschland den bei weitem größten Teil meindeforsten. / der Betriebe sind 10 bis 1000 ha, 
  
 
	        
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