Contents : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Siebzehnter Jahrgang. 1901. (42)

138  Nas  NVeutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Sept.  11.—14.)

seligen  Königin  Luise,  die  sich  in  die  herrlichen  Aehren  gewandelt  hat,  die
Sie  noch  mitgemäht  haben  und  die  Ich  einheimse,  so  möge  dieser  Geist
wieder  von  dieser  Provinz  ausgehen  und  vorbildlich  für  das  gesamte
Vaterland  werden  an  hingebungsvoller  Mitarbeit  und  vertrauensvollem
Aufblick  zu  dem  König.  Sie  mögen  versichert  sein,  daß  die  Krone,  die
Sie  gestern  gesehen,  und  das  Scepter,  das  vor  Ihnen  am  Altar  lag,  allezeit
  unter  der  Devise  „suum  cuique“  den  Schutz  und  die  Förderung  der
Interessen  dieser  Provinz  gewährleisten  wird,  so  lange  Ich  und  Meine
Nachfolger  noch  im  stande  sind,  die  Hand  zu  führen  zum  Wohle  von  Ostpreußen
  und  des  Vaterlandes.  In  diesem  Sinne  erhebe  Ich  den  Pokal
und  verbinde  damit  eine  Widmung,  die  Sie  gewünscht  haben:  indem  Ich
Sie  bitte,  die  Gabe  dieses  Doppelbildes  anzunehmen,  hoffe  Ich,  daß  Sie
sich  der  Einsetzung  des  Königtums  und  der  Jetztzeit  erinnern  werden!  Ich
trinke  auf  das  Wohl  der  Provinz!

11.13.  September.  Zusammenkunft  des  Kaisers  mit  dem
Zaren  auf  der  „Hohenzollern“  und  der  russischen  Bacht  „Standard“
auf  der  Reede  von  Hela,  wo  fie  den  Marinemanövern  beiwohnen.
—  Der  Zar  ernennt  den  Kaiser  zum  Chef  des  39.  Dragoner-Regiments.


12.  September.  (Thorn.)  In  einem  Prozesse  gegen  61  polnische
  Gymnafiasten  wegen  Geheimbündelei  werden  15  Angeklagte
freigesprochen,  die  anderen  erhalten  Verweise  oder  Gefängnisstrafen
bis  zu  zwei  Monaten.

14.  September.  (Danzig.)  Der  Kaiser  besucht  Danzig  und
erwidert  auf  die  Ansprache  des  Oberbürgermeisters:

Ich  komme  soeben  von  einer  hochbedeutsamen  Begegnung  mit
Meinem  Freunde,  dem  Kaiser  von  Rußland,  welche  zu  Unserer  Beider
Zufriedenheit  verlaufen  ist,  und  durch  welche  hinwiederum  die  Ueberzeugung
unerschütterlich  befestigt  wird,  daß  für  lange  Zeiten  der  Friede  für  die
Völker  Europas  erhalten  bleiben  wird.  Dieses  Faktum  macht  auch  Mir
das  Herz  leichter,  wenn  Ich  in  die  Mauern  der  alten  schönen  Handelsstadt
  einziehe.  Als  Ich  das  erste  Mal  Danzig  besuchte,  konnte  Ich  Mir
aus  dem  damaligen  Zustand  der  Stadt  schon  die  Aufgabe  vorzeichnen,
welche  darin  bestand,  die  Stadt  wieder  zum  Emporblühen  zu  bringen  und
zum  Vorwärtsschreiten,  die  schönste  Aufgabe,  die  einem  Landesfürsten  und
Regenten  blühen  kann.  Ich  hegte  keinen  Zweifel,  nachdem  im  Rathause
Mir  die  Absichten  der  Stadt  in  Wort  und  Bild  mitgeteilt  worden  waren,
daß  bei  dem  alten  Hansageiste,  der  in  unsern  Kaufleuten  sitzt,  die  Aufgabe,
  wenn  auch  nicht  leicht,  so  doch  ausführbar  sein  würde.  Frei  von
dem  bannenden  Nebel  parteipolitischer  Rücksichten,  die  lange  die  Stadt
Danzig  zu  ihrem  Schaden  bedrückt  und  niedergehalten  haben,  statt
sich  um  ihre  Interessen  zu  kümmern,  sehe  Ich  die  Stadt  jetzt  vor  Mir
aufblühen  unter  der  sicheren  Hand  eines  weisen,  weitblickenden  Stadthauptes.
  Wie  die  Entwicklung  der  Stadt  mächtig  emporstrebt,  das  zeigt
sich  in  den  gefallenen  Wällen.  Mit  staunender  Bewunderung  hat  Mein
Blick  die  neuen  Stadteile  übersehen  und  mit  Freude,  daß  Sie  an  dem
Stil  der  Väter  festhalten  und  daß  Sie  doch  das  schöne,  eigentümliche  Gepräge
  und  Bild,  das  einem  jeden  eingegraben  bleibt,  der  einmal  Danzig
gesehen  hat,  festzuhalten  und  zu  entwickeln  bestrebt  sind.  Sie  sehen  an