Full text: Staatslexikon. Fünfter Band: Staatsrat bis Zweikampf. (5)

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dadurch, daß er seinerzeit ein Lehrbuch der 
Sozialökonomik schrieb, das sich nicht in Ab- 
straktionen verlor, das ständig Fühlung nahm mit 
den konkreten Tatsachen, der neuen Wissenschaft 
den Weg. Als „Lehrer der Welt“ wurde Smith 
alsbald wenigstens zeitweise abgelöst durch J. B. 
Say (Traité d’économie politique, 1802; Cours 
complet d’économie politique pratique, 1828 
bis 1829), der den Smithschen Gedanken in selb- 
ständiger Bearbeitung in der den Gebildeten der 
Zeit geläufigeren französischen Sprache vortrug. 
Obman ihn deshalb mit zu den Klassikern rechnen 
will trotz mancher originaler Gedanken, kann be- 
zweifelt werden. 
Den ehrenden Beinamen „Klassiker“ haben sich 
dagegen fast unbestritten Smiths Landsleute er- 
rungen. Malthus, dessen Bevölkerungslehre, richtig 
verstanden, nach einem Jahrhundert intensivster 
kritischer Bearbeitung im Kern noch immer als 
richtig anerkannt werden muß, und namentlich 
Ricardo, der Meister der abstrakten deduktiven 
Methode, der zwei Eigenschaften in besonders 
hervorragendem Maß besaß, die für den Erfolg 
volkswirtschaftlicher Forschungstätigkeit unerläß- 
lich sind: Verständnis für die Praxis des Wirt- 
schaftslebens und Abstraktionsvermögen, dem aber 
leider die Gabe klarer, leicht verständlicher Dar- 
stellungsweise nicht so gegeben war, daß er sich 
auch weniger energischen Denkern vollkommen ver- 
ständlich machen konnte. Kein Nationalökonom 
ist so gründlich mißverstanden worden, namentlich 
in Deutschland während der zweiten Hölfte des 
19. Jahrh., wie Ricardo. Erst die neueste Zeit 
wird ihm wieder gerechter, erkennt an, daß er 
mehr noch als Adam Smith für das wissenschaft- 
liche Durchdenken volkswirtschaftlicher Phänomene 
geleistet hat. Diehl, der gründlichste Ricardo- 
sorscher der Gegenwart, hebt mit Recht hervor, 
daß Ricardos Hauptleistung auf einem Gebiet 
liege, auf dem Adam Smith kaum mehr als 
schwache Versuche begann: in der scharfen Heraus- 
arbeitung gewisser Hauptgesetze der volkswirtschaft- 
lichen Verteilung. Für die theoretische Erfassung 
des Werts, des Preises, des Zinses, Lohns, Pro- 
fils, der Rente, für die Bewegungstendenzen und 
gegenseitige Bedingtheit von Arbeitslohn, Gewinn, 
Rente hat Ricardo ein sicheres Fundament gelegt, 
auf dem auch die neuere Forscherarbeit mehr oder 
minder wird fußen müssen. 
Das, was Ricardo fehlt, die leicht verständliche 
Darstellungsweise, besaß wieder ein Franzose, 
Frederic Bastiat (180 1/50), die charakteristische 
Erscheinung unter den Epigonen der Klassiker, in 
hervorragendem Maß. Charakteristisch nenne ich 
ihn deshalb, weil in seinen Werken am rücksichts- 
losesten zum Ausdruck gebracht wird, was die 
meisten volkswirtschaftlichen Schriftsteller in der 
nachklassischen Zeit am meisten bewegte: rücksichts- 
lose Verteidigung des Individualprinzips, nament- 
lich gegenüber dem allmählich heranwachsenden 
Sozialismus („Harmonie der Interessen“) und 
Volkswirtschaftslehre. 
  
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Eintreten für weitgehenden Freihandel („Man- 
chestertum"). Charakteristisch verdienen die Schrif- 
ten Bastiats auch deshalb genannt zu werden, 
weil sie von dem Irrtum getragen werden, daß 
volkswirtschaftliche Politik nichts anderes sei als 
angewandte rein wirtschaftliche Theorie. Daß dies 
hüben und drüben verkannt wurde, war wohl auch 
der Hauptgrund dafür, daß der Kampf für und 
gegen den ökonomischen Liberalismus schließlich 
doch so wenig ergiebig blieb für den Fortschritt 
der Wissenschaft. Eine Geschichte der Volkswirt- 
schaftspolitik wird die als Gegner der Smithschen 
Schule bekannten Autoren Simon de Sismondi, 
Adam Müller, K. L. v. Haller und schließlich auch 
den großen Friedrich Liszt mit viel mehr Ehre er- 
wähnen können als eine Geschichte der Volkswirl- 
schaftslehre, und ähnlich wird auch der Tenor 
eines Urteils über die Leistungen der Volkswirt- 
schaftslehre in der zweiten Hälfte des 19. Jahrh. 
zu lauten haben, wenn man nicht bloß Einzel- 
sorderungen im Auge hat, sondern die Wissenschaft 
als Ganzes zu würdigen sucht. 
Wohl selten gab es in Deutschland so viele 
Meister ersten Rangs, die sich um die volkswirt- 
schaftliche Forscherarbeit bemühten, als etwa um 
das Jahr 1860. Drei Gruppen können wir da 
unterscheiden: die erste wurde gebildet aus den 
Universitätsgelehrten und ihnen nahestehenden 
Männern des praktischen Lebens. Rau und Her- 
mann waren die Stimmführer dieser Gruppe, die 
alsbald abgelöst wurden durch andere Koryphäen 
der Wissenschaft, ich nenne nur Knies und Roscher, 
die Begründer der älteren historischen Schule. Um 
eine zweite Gruppe sammelten sich diejenigen, die 
als Manchesterleute in der Politik eine Nolle 
spielten, Prince Smith, Michaelis, Faucher. Eine 
dritte Gruppe bemühte sich, die Weltanschauung 
des ökonomischen Systems des Sozialismus ver- 
ständlich zu machen und auszubauen: Marlo, 
Rodbertus, Marx, Engels u. a. Einig waren sich 
diese drei Gruppen dahin, daß ihre wissenschaft- 
lichen Aufgaben zugleich politische Aufgaben sein 
sollten, wenn sie auch über das Wesen dieser poli- 
tischen Aufgaben ganz verschieden dachten. Daß 
das wissenschaftlich Gesehene ein Grundfehler sei, 
wurde schon damals, so beispielsweise von dem 
Heidelberger Professor Karl Dietzel, richtig er- 
kannt, aber die an diese Erkenntnis geknüpfte 
Mahnung verhallte ungehört. Nicht das schien die 
Losung zu sein der volkswirtschaftlichen Arbeit im 
wissenschaftlichen Gewand in den letzten Dezennien 
des 19. Jahrb.: „Vorwärts zur rücksichtslosen 
Erkenntnis“, vielmehr fand man Geschmack 
daran, die geistige Arbeit mit dem Motto: „Vor- 
wärts zur politischen Tat“, in die Welt hinaus- 
zugeben. Und politisch war es auch unzweifelhaft 
eine große und eine notwendige Tat, daß die so- 
zialökonomischen Gelehrten sich bemühten, prak- 
tischen Irrtümern des Manchestertums und prak- 
tischen Gefahren des Sozialismus durch praktische 
Arbeit zu begegnen. Der Gedanke, „es muß etwas