Full text: Prinz Max von Baden. Erinnerungen und Dokumente.

Noeggerath machte den Wert dieser politischen Kriegführung von einer 
entscheidenden Vorbedingung abhängig: Amerika dürfe nicht im Krieg sein; 
sonst würde den alliierten Völkern der Sieg als eine Naturnotwendigkeit 
erscheinen und ihr Kriegswille sich gegen alle Versuchungen eines Verstän- 
digungsfriedens verhärten. Er äußerte seine Besorgnis über die frivole 
Unterschätzung Amerikas, die der sich täglich steigernden Hropaganda für 
den verschärften U-Bootkrieg zugrunde läge. 
Einmal im Kriege, würde Amerika seinen Ehrgeiz daran setzen, den 
größten, den furchtbarsten, den längsten, den teuersten Krieg zu führen. 
Die Hilfsquellen der Vereinigten Staaten würden der Entente dann noch 
ganz anders zur Verfügung stehen als heute. Auch das technische Ingenium 
der Amerikaner würde zur Abwehr der U-Bootgefahr seine Höchstleistung 
vollbringen. 
Ich erhielt einen starken Eindruck von der Ruhe und Sicherheit, mit der 
Noeggerath seine Behauptungen aufstellte, und von der Folgerichtigkeit 
der mir vorgetragenen Gedanken. Aber ich konnte mich des Verdachts nicht 
erwehren, ob nicht eine gewisse „westliche“ Boreingenommenheit den Blick 
zu fest auf England und Amerika gerichtet hielte, und darüber vielleicht 
plötzliche Auswege, die sich im Osten öffnen konnten, außer acht gelassen 
würden. 
Noeggerath verdankte seine Einsichten nicht zufälligen Eindrücken. Er 
stand in dauernder Verbindung mit einer Gruppe von Männern, die 
mit ihm der Meinung waren, die Kunst des Staatsmannes müßte Füh- 
rung und Ausgang des Krieges beeinflussen. Einige dieser Herren arbei- 
teten in der Zentralstelle für Auslandsdienst.1 Dort hatte Paul 
NMohrbach in Fühlung mit dem Auswärtigen Amt für die feindliche und 
neutrale Presse Lektorate eingerichtet. Die Lektoren waren genaue Kenner 
der Länder, deren Zeitungen sie bearbeiteten und zu Wochenberichten und 
fortlaufenden Anregungen auswerteten. Die gewonnenen Informationen 
wurden durch Erkundigungen im neutralen Ausland ergänzt. Verbindungen 
mit Agenten waren grundsätzlich ausgeschlossen. 
1 Die Zentralstelle für Auslandsdienst war eine charakteristische Schöpfung der 
Kriegszeit. Offiziell war sie dem Auswärtigen Amt angegliedert und unterstand 
zunächst dem Botschafter v. Mumm, dann dem Geheimen Legationsrat v. Radowitz. 
Oie laufenden Geschäfte leitete Generalkonsul Thiel, später Generalkonsul Kiliani. 
Die von Paul Rohrbach gegründete „ressestelle“ erfreute sich weitgehender Unab- 
hängigkeit; die meisten Lektoren standen in keinem Beamtenverhältnis. Unter anderen 
arbeiteten dort der Nationalökonom Carl Brinkmann und der Kunsthistoriker Otto 
Grautoff. Im folgendenwird immerunter „Zentralstelle“ die „Pressestelle der Zentral- 
stelle für Auslandsdienst“ verstanden. 
27
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.