Full text: Prinz Max von Baden. Erinnerungen und Dokumente.

Kaisers von der Straße proklamiert werden. Dagegen hatten wir kein 
Machtmittel. Der Absetzung konnte nur vorgebeugt werden dadurch, 
daß die Abdankung verkündet wurde. Sollte noch die geringske gute Wir- 
kung zugunsten des Kaisers und seines Hauses erzielt werden, so mußte 
die Veröffentlichung augenblicklich erfolgen und durfte nicht der Absetzung 
nachgeschickt werden. 
Wir versuchten einmal über das andere, den Kaiser zu erreichen. Ein 
Telephon in der Villa Fraineuse war abgehängt, das andere besegt. 
Ich sah mich vor die Wahl gestellt, entweder abzuwarten und nichts zu 
tun, oder auf eigene Verantwortung zu handeln. Ich wußte, daß ich for- 
mell nicht berechtigt war, ohne Einverständniserklärung des Kaisers die 
Veröffentlichung vorzunehmen. Aber ich hielt es für meine Dflicht, den 
mir als feststehend mitgeteilten Entschluß des Kaisers bekanntzugeben, so- 
lange er noch einen Sinn hatte. Außer mit Simons sprach ich mit nieman- 
dem über mein Vorhaben. Er riet dringend, sich über formale Bedenken 
binwegzusechen, in diesem Augenblick, wo es vielleicht noch möglich wäre, 
die Monarchie zu retten.!1 
Ich war mir der Schwere der Verantwortung wohl bewußt, als ich dem 
Wolffschen Telegraphenbureau die nachstehende Erklärung zugehen ließ: 
„Der Kaiser und König hat sich entschlossen, dem Throne zu ent- 
sagen. Der Reichskanzler bleibt noch so lange im Amte, bis die mit der 
Abdankung des Kaisers, dem Thronverzicht des Kronprinzen? des 
Deutschen Reiches und von Preußen und der Einsetzung der Regent- 
schaft verbundenen Fragen geregelt sind. Er beabsichtigt, dem Regenten 
die Ernennung des Abgeordneten Ebert zum Meichskanzler und die 
Vorlage eines Gesetzentwurfs wegen der sofortigen Ausschreibung all- 
gemeiner Wahlen für eine Verfassunggebende deutsche Nationalver- 
1 Reichsgerichtspräsident Simons hat sich später über die damaligen Beweg- 
gründe folgendermaßen geäußert: „Es handelte sich für mich um die Entscheidung, 
ob auf gewaltlosem Wege der A#bergang der Reichsleitung in die Hände Eberts 
möglich war, oder ob durch blutige Revolution die Gewalt an die Spartakisten 
gehen würde. Im letzteren Falle wäre nicht nur die Monarchie, sondern auch das 
Heer verloren gewesen, dessen Bestand von der Zufuhr aus der Heimat abhbing. 
Nur indem die Beamtenschaft des alten Reichs sich Ebert zur Verfügung stellte, 
war das Heer zu retten, und Ebert war, wie ich wußte, kein grundsätzlicher Gegner 
der Monarchie. Der Ubergang an die Spartakisten hätte nicht nur eine Revolution 
àla Moskau, sondern auch die völlige Zerrüttung der Reichsverwaltung herbei- 
geführt. Dieses Bild stand mir mehr als Anschauung wie in klaren Begriffen vor 
der Seele, als ich dem Drinzen meinen Dat gab, alles zu tun, um die Veröffent- 
lichung noch rechtzeitig herauszubringen." 
2 Siehe oben S. 553, Anm. 
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