24. Juli 127
land, den Besuch des Zaren in Bukarest und die Verstärkung der
russischen Arınee. Graf Benckendorfi hatte daraus geschlos-
sei, dass man in Deutschland gerne einen Krieg mit Russland
ins Auge Tasse.
Dem Unterstaatssekretär fiel, wie auch uns, das sorgen-
volle Gesicht des Fürsten Lichnowsky seit seiner Rückkehr
aus Berlin auf und er denkt, dass Deutschland, wenn es ge-
wollt hätte, die Ueberreichung des Ultimatums verhindern
Konnte.
Die Lage ist also selır ernst und wir sehen kein Mitte!,
um den Lauf der Ereignisse zu hemmen.?)
Immerhin hält Graf Benckendorff es für gut, den Schritt
zu versuchen, über den ich mich mit Sir Edward Grey ge-
einigt habe.?)
Der französische Botschafter in London, Paul Cambon, an
den stellvertretenden französischen Minister des Aeus-
seren, Bienvenu-Martin.
Gelbbuch Nr. 33.
London.
Der serbische Gesandte hat heute Nacht von Herrn Pa-
schitch ein Telegramm erhalten, nach dem die österreichisch-
ungarische Regierung an ihn ein Ultimatum gerichtet hat, das
morgen, also Samstag, um 6 Uhr, abläuft. Herr Paschitch gibt
nicht den Wortlaut der österreichischen Mitteilung wieder,
aber, wenn er so ist wie die Times von heute ihn bringt, so
scheint es unmöglich, dass die serbische Regierung sie an-
nehmen kann.')
Gib. Nr. 32. ?) Dieses Telegramm, obgleich verhältnismässig
sachlich gehalten, ist ein seltsames Beispiel für die Korrespondenz
des Gib. — Benckendorff «vermutet» Deutschlands Mitwissen um die
Note. Lichnowskp sagt, man sei in Berlin über verschiedene Schritte
der russischen Politik besorgt. Benckendorff schliesst daraus, dass
Deutschland « gerne» einen Krieg ins Auge fasse. Lichnowskps sorgen-
voller Ausdruck wird verzeichnet. Und aus alledem folgert Paul Cam-
bon: «Die Lage ist also sehr ernst und wir sehen kein Mittel usw.>
®) Die russische Diplomatie war also von den Vermittlungs-
vorschlägen unterrichtet, ehe sie Deutschland und Oesterreich-Ungarn
unterbreitet wurden.
Gib. Nr. 33. ') Cambon hat nach diesen Aeusserungen also erst
jetzt das Ultimatum im Resume gelesen! Die Notwendigkeit einer Ver-
mittlung und einer Beschwichtigung Oesterreichs, den Glauben an
einen deutschen Kriegswillen aber hat er bereits in den vorhergehenden
Telegrammen ausgesprochen. Und auch jetzt urteilt er nur nach dem
Resume. Er kannte nicht den Text des Ultimatums, keine der öster-
reichischen Beschwerden und Anklagen und nimmt dennoch sogleich
gegen Oesterreich Stellung.
Paul Cambon
verlanst
abermals eine
offiziöse deut-
sche Interven-
tion in Wien.