Full text : Der Mündliche Vortrag. Dritter Teil. Schönheit des Vortrags. (3)

Das  Zeitmaß.  27

oder  seine  Empfindung  müssen  ganz  durchschlagend  werden,  und
dazu  gehört  eine  gewisse  Sammlung.  Wollte  man  nach  solchen
Stellen  ohne  Pause  weiter  sprechen,  so  würde  man  den  Ein—
druck  der  Rede  verwischen.

Wie  lang  oder  kurz  diese  Pausen  sein  müssen  läßt  sich
durch  Regeln  nicht  festsetzen.  Hier  muß  das  Gefühl,  das  Verständnis,
  die  Ubung,  hier  muß  der  einzelne  Fall  entscheiden.

Sehr  wirksam  sind  Pausen  in  der  Kunst  der  Darstellung  —
und  unt  sich  durch  diese  auch  die  Amwendung  im  bloßen  Sprechen
gut  lernen.

Das  Zeitmaß.

§  19.  Wie  früher  angegeben  hat  das  Zeitmaß  eine  äußere
Bedingung  in  der  Größe  des  Raumes,  welchen  der  Redner  auszufüllen
  hat.

Die  inneren  Bedingungen  des  Zeitmaßes  liegen  in  der
Natur  des  Vorzutragenden.  Jenachdem  der  Vortrag  nur  ruhige
Gedankenfolge,  Entwicklung  von  Schlüssen  r2c.,  oder  im  Gegensatze
  lebhafte  Empfindungen,  ja  Leidenschaften  ausspricht  ist  das
Zeitmaß  dem  angemessen  langsamer  oder  schneller.  Auch  hier
werden  sich  nicht  gut  Regeln  aufstellen  lassen,  die  für  alle
einzelnen  Fälle  maßgebend  sind.  In  den  späteren  §§  wird  des
Zeitmaßes  öfters  noch  gedacht  werden  und  dabei  werden  die
nötigen  Bemerkungen  vorkommen.  Vor  der  Hand  kann  es  sich
nur  um  einige  allgemeine  Grundsätze  handeln.

Das  richtige  Heimaß  ist  eine  der  wesentlichsten  Bedingungen
eines  guten  Vortrags.  Leidenschaftliche  Empfindungen  zu  langsam
  vorgetragen  werden  eben  so  wenig  einen  Eindruck  machen,
als  die  ruhige  Entwicklung  von  Gedanken  übereilt  gesprochen.
Das  richtige  Zeitmaß  für  jeden  gegebenen  Fall  zu  treffen  muß
dem  Verständnis  überlassen  bleiben.  Daß  die  Empfindung
das  Zeitmaß  beschleunigt  bedarf  wohl  kaum  der  Erwähnung.
Wenn  es  aber  überhaupt  verschiedenes  Zeitmaß  im  Vortrage  je
nach  dem  Inhalt  des  Vorzutragenden  giebt,  so  geht  daraus
hervor  daß  der  Redner  der  verschiedenen  Zeitmaße  Herr  sein
muß.  Das  ist  man  nicht  von  Natur.  Jeder  Mensch  hat  eine
bestimmte  Schnelligkeit,  ein  bestimmtes  Zeitmaß,  in  dem  er  gewöhnlich
  spricht.  Dieses  ist  teils  durch  Gewohnheit  entstanden.
teils  hat  es  zuweilen  in  dem  Bau  der  Sprachwerkzeuge  seinen
Grund,  vermöge  welcher  Einzelne  schwerfällig  langsam  sprechen,