Enttäuschung Gortschakows über Napoleons doppeltes Spiel. 119
wem die Maßregel von uns gleichzeitig ergriffen würde. Auch wird ein besonderes Ge-
wicht darauf gelegt, daß mit der Abberufung unserer Gesandten zugleich die Erteilung der
Pässe an die Vertreter Sardiniens in Berlin und Petersburg verbunden werde, weil
sonst der beabsichtigte Schritt bei seiner ohnehin nur demonstrativen Natur den Stempel
der Halbheit tragen würde.
Eine Beschleunigung der Entscheidung ist dem kais. Kabinett namentlich um deshalb
wünschenswert, weil man Wert darauf legt, daß die Angelegenheit vor der Warschauer
Zusammenkunft entschieden sei umd nicht als ein Ausfluß der letzteren erscheine. Fürst
Gortschakow befürchtete, daß die bevorstehende Reise Sr. K. H. des Regenten nach
Jülich⁴) die Beschlußnahme verzögern könne, und fragte mich, ob E. E. bei der
Wichtigkeit der Sache, welche das hiesige Kabinett ganz von unserer Entschließung
abhängig mache, nicht vielleicht geneigt sein würden, Sr. K. H. an den Rhein zu folgen,
wenn ein mündlicher Vortrag hochdenselben erforderlich schiene.
Nach einem aus Turin hier eingegangenen Telegramm ist der erste Sekretär der fran-
zösischen Gesandtschaft daselbst als chargé des affaires officielles sans caractère diplo-
matique verblieben und hat Baron Talleyrand bei seiner Abreise geäußert, daß er bald
zurückzukehren hoffe. Fürst Gagarine bemerkt dazu, es sei im Grunde alles beim alten
geblieben und die Geschäfte der französischen Gesandtschaft würden betrieben wie früher.
Zugleich erwähnt er, daß die Forderung Garibaldis, Cavour zu entlassen und ihm 30000
Mann piemontesischer Truppen nach Neapel zu geben, allgemeine Bestürzung in Turin
erregt habe.
Fürst Gortschakow nimmt an, daß das gesamte Verhalten Frankreichs und Pie-
monts in den letzten Wochen in Chambéry zwischen dem Kaiser Napoleon und dem General
Cialdini im voraus festgestellt worden sei⁵) und daß die drohenden Erklärungen Frank-
reichs an Sardinien,⁶) die telegraphischen Zusagen der Verteidigung des Kirchen-
staates,⁷) ebenso wie die Sommation Sardiniens an die päpstliche Regierung⁸) und der An-
griff der Piemontesen auf die römischen Truppen⁹) nur verschiedene Szenen einer und
derselben mit Napoleon verabredeten Komödie bildeten.
Ihm ist seine Enttäuschung über diesen Punkt um so empfindlicher, als der Kaiser
Alexander dieselbe, geleitet von seinem Mißtrauen gegen Napoleon, seit Wochen vorher-
gesagt hatte und von seinem Minister mit Mühe beschwichtigt worden war. Der Herzog
von Montebello ist, wie mir Fürst Gortschakow sagt, „in Verzweiflung“ über die Täu-
schung, zu der man ihn gemißbraucht hat.
Fürst Gortschakow sucht die Motive des von der französischen Politik getriebenen
doppelten Spiels in dem Bestreben des Kaisers Napoleon, sich für alle Umstände freie
Hand zu halten, um einerseits sich von der Verantwortung für die Handlungen des Turiner
Kabinettes und jeder Verpflichtung, demselben vorkommendenfails beizustehen, völlig
loslagen zu können, andrerseits die italienischen Verschwörer und ihre Attentate¹⁰) nicht
4) Der Primzregent nahm am 24. u. 25. September an militärischen Uebungen in Jülich teil.
5) Vgl. Nr. 105.
6) Vom 11 September 1860 für den Fall, daß die Sardinier die päpstlichen Truppen angriffen.
7) Vgl. Nr. 106 S. 115 f.
8) Vgl. Nr. 106.
9) Vgl. Raschdau I 170.
10) Anspielung auf das am 14. Januar 1858 von dem Carbonaro Felice Orsini gegen Napoleon III. in
Paris verübte Attentat.