Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 3. (3)

Verhandlung deswegen zwischen der Türkei und Rußland. Die Anerkennung Italiens. 357 
Es scheint, daß dem letzten Punkt, wie dies auch aus der Allgemeinheit seiner Fassung 
hervorgeht, eine praktische Bedeutung weder von russischer noch von türkischer Seite 
beigelegt wird, und daß beide Teile die Hauptschwierigkeiten für überwunden ansehen, 
wenn Montenegro befriedigt ist. 
Khalil Bey glaubt die Autorisation der Pforte für die Gegenvorschläge, welche 
er dem kais. Minister darauf gemacht hat, gewärtigen zu können. In denselben legt er der 
Gebietsabtretung, sobald sie auf keinen Hafen ausgedehnt wird, ein wesentliches Gewicht 
nicht bei. Dagegen macht er die Anerkennung der staatlichen Selbständigkeit Montenegros 
von der Bedingung abhängig, daß das Fürstentum für die Zukunft unter den Schutz der 
fünf Großmächte gestellt und Konsuln derselben sowie der Pforte in Cettinje akkreditiert 
würden. Ferner verlangt er das Zugeständnis, daß der Pforte, wenn sie in Zukunft 
wieder von Montenegro angegriffen würde, gestattet werde, dasselbe zu erobern und 
„damit zu machen, was sie wolle“. 
Diese letztere Bedingung formuliert Lord Napier mit den Worten: que le Monté- 
négro subirait toute la responsabilite due comport l’indépendance politique. 
Mein türkischer Kollege behauptete, daß Fürst Gortschakow einstweilen nur gegen die 
Zulassung der Konsulate Bedenken geäußert habe. 
Da Khalil Bey mich bat, gegen den Fürsten Gortschakow über die mir gemachte Mit- 
teilung nichts zu erwähnen, weil ihm Geheimhaltung der Sache empfohlen sei, so habe ich 
mich bisher auch enthalten, an den kais. Minister in betreff dieser Verhandlungen Fragen 
zu stellen. 
*311. Bericht an Minister Graf Bernstorff. 
[Ausfertigung.] 
 15./3. April 1862 
Fürst Gortschakow hatte gestern von Baron Budberg Berichte erhalten, aus welchen 
er entnahm, daß die frühere Meldung des kais. Gesandten, nach welcher die Anerkennung 
des Königreichs Italien von uns bereits beschlossen sei, auf einem Mißverständnis beruhe, 
welches durch eine neue Unterredung mit E. E. aufgeklärt worden sei. Der kais. Minister 
selbst schien in den beiden Berichten Baron Budbergs, aus welchen er mir nur Bruch- 
stücke mitteilte, die volle Uebereinstimmung zu vermissen. Jedenfalls hatte er die früheren 
Meldungen des kais. Gesandten zweifellos in dem Sinne verstanden, wie ich dies unter dem 
5. c. Nr. 23¹) zu berichten mich beehrte. Die jetzt von Baron Budberg gegebenen Er- 
läuterungen haben dagegen den Fürsten vollständig befriedigt, und sagte er, daß ich zu weit 
gegangen sei, wenn ich seine damalige Stimmung mit dem Ausdruck „mécontentement“ be- 
zeichnet hätte, dessen sich Baron Budberg bedient. Abgesehen davon, daß dies von mir 
nicht geschehen ist, mußte ich ihn doch daran erinnern, daß seine Verstimmung eine ziemlich 
lebhafte gewesen sei. 
Baron Budberg berichtet, daß E. E. zwar nicht darauf eingegangen sei, bestimmt zu- 
zusagen, daß wir zur Anerkennung Italiens nicht schreiten würden, solange Rußland sich 
1) Vgl. Nr 298.