526 In Preußen bis zum letzten Augenblicke Versöhnlichkeit und Friedensliebe.
Wir können dahinter nur die bestimmte Absicht sehen, den Krieg mit Preußen zu er-
zwingen und die Verhandlungen über den Kongreß höchstens dazu zu benutzen, um durch
Verschleppung noch Zeit für seine eigenen, noch nicht ganz vollendeten Rüstungen, namentlich
aber für die seiner Bundesgenossen zu gewinnen. Der Krieg selbst ist feststehender Entschluß
in Wien; es kommt dort nur noch darauf an, den günstigen Augenblick zum Beginn zu
wählen.
Diese Überzeugung ist uns durch die neuesten Tatsachen mit gebieterischer Notwendigkeit
aufgedrängt; und wir glauben, daß nur eine absichtlich parteiische Auffassung sich derselben
verschließen kann. Die Tatsachen reden jetzt zu laut, als daß nicht das nur auf Vermu-
tungen, Kombinationen, falsch interpretierte Äußerungen und leere Gerüchte gestützte Gerede
von den kriegerischen Gelüsten Preußens dagegen verschwinden müßte. Man wird uns
jetzt endlich wohl glauben, wenn wir uns feierlich gegen jeden Gedanken verwahren, unsere
Ansprüche auf die Herzogtümer mit Gewalt und unter Mißachtung der Rechte des Mit-
besitzers geltend machen zu wollen. Man wird nun auch nicht umhin können, die wahren
Motive der Rüstungen zu erkennen, durch welche Österreich den Anlaß zu der gegenwär-
tigen Krise gegeben hat, deren Beseitigung durch den Kongreß Österreich wiederum durch
seine Haltung unmöglich zu machen bemüht ist.
Wir dürfen uns getrost auf das Urteil aller unparteiischen Staatsmänner darüber
berufen, wo bis zum letzten Augenblick die Versöhnlichkkeit und Friedensliebe vorhanden
gewesen ist.
Ew. pp. ersuche ich ergebenst, sich im Sinne dieses Erlasses gegen den dortigen Herrn
Minister auszusprechen.
In französischer Übersetzung in: Das Staatsarchiv, XI, 72 ff.
*372. Telegramm an den Gouverneur von Schleswig Generalleutnant
Freiherrn von Manteuffel.
[Eigenhändiges Konzept.]
Am 4. Juni fand unter dem Vorsitz König Wilhelms I. ein Ministerkonseil statt, in dem
u. a. darüber beraten wurde, welche Schritte gegen die durch den Statthalter von Gablenz am
2. in Aussicht genommene Einberufung der holsteinschen Stände auf den 11. nach Itzehoe, (die
dann am 5. wirklich erfolgte) zu unternehmen seien. Die Auffassungen der Minister waren
geteilt. Der Justizminister Graf zur Lippe und der Minister des Innern Graf zu Eulenburg
sprachen sich gegen ein Einrücken preußischer Truppen in das Holsteinische aus, rieten vielmehr,
am Bundestage gegen die österreichische Erklärung vom 1. Protest einzulegen und in diesem
Sinne ein zugleich die Abrüstung verlangendes Ultimatum nach Wien zu richten. Bismarck
dagegen hielt die Stellung eines solchen Ultimatums „jetzt noch für unzeitig“ und riet, den
General Freiherrn von Manteuffel vorerst nur im allgemeinen zur Wahrung der preußischen
Souveränitätsrechte in Holstein anzuweisen. Ein Beschluß wurde in dem Konseil nicht gefaßt;
immerhin durfte Bismarck annehmen, daß der König seiner Auffassung beitreten werde.
Berlin, den 4. Juni 1866.
Nach der heutigen Conseil-Sitzung ist es wahrscheinlich, daß Ihnen in wenig Tagen,
vielleicht schon morgen, der allerh[öchste] Befehl zugeht: „Die Souveränetätsrechte Preußens
am Herzogthume Holstein zu wahren“, gleichzeitig mit der Ermächtigung, diese Souveräne-
tätsrechte in Bezug auf beide Herzogthümer auszuüben, so wie sie, nachdem der Gasteiner
Vertrag hinfällig geworden, auf dem Wiener Friedensvertrage beruhn. Die Besetzung
garnisonfreier Orte in Holstein, die Verhinderung einseitiger Berufung der holstei-