338 Wertbers Reise nach Ems. Bismarcks Direktioen zur Behandlung der spanischen Frage.
1566. Telegramm an den Rat im Könsglichen Gefolge
Abeken, z. Zt. in Ems.
[Entjifferung.)
Ebe dem Botschafter Freiherrn v. Werther noch eine Weifung im Sinne der Bismarckschen
Dlrektiven vom 4. Juli (ogl. Tr. 1565, Anm.) jugegangen war, hatte er mit dem Hertog
von Gramont und mit Ollivier eine Rückh#prache über die Thronkandidatur des Erbprinzen
von Hobeng#ollern gehabt, in deren Verfolg er den Entschluß fabte, eine schon länger beabsichtigte
Sabrt nach Ems zu beschleunigen. Am Abend des 4. telegraphierte er darüber nach Verlin:
„Ich reise morgen abend nach Ems ab, um Seiner Majestät dem Könige auszuwarten, und bringe
die allerbedenklichsten Cindrückee von Herzog von Gramont und Ollivier über die Hohenzjollernsche
Kombination für Jpanischen Cbron mit und halte es für erwünscht, darüber Seiner Wajestät
direkt Vortrag halten zu können.“ Vgl. auch den ausführlichen Immediatbericht Wertbers
vom 5. Juli (Lord, a. a. O., S. 125 ff.), in dem es über die Holtung des Botschafters gegenüber
Gramont und Ollivier beihlt: 5q konnte den beiden Ministern nur sagen, dah mir von dieser
ganzen Kombination auch nucht as Geringste bekannt wäre, und im übrigen würde ich die
Eindrücke, welche sie mir schilderten, jur Kenntnis Ew. Königlichen Majestät bringen“" Von
der telegraopbischen Meldung Wertbers vom 4. wurde Bismarck alsbald durch ein Thilesches
Telegramm in Kenntnis gesetzt. O
Varzin, den 5. Juli 1870.
labgegangen: 30 nachm.)
Wenn Grankreich Sragen, die nur Spanien angehen, uns gegenüber anregt, so hätte
Freiherr von Werther deren CErörterung ablehnen und nach Madrid und Aeichenhall ver-
weisen sollen. Die Selbständigkeit Spaniens achtend und ohne Beruf zur Einmischung in
Ipanische Verfassungsfragen, überlassen wir die letzteren den Spaniern und denen, die es
werden wollen. Will Grankreich auf dieselben einwirken, so ist das seine und nicht unsere
Sache. Annahme der Besprechung würde unsere sonst unangreifbare Polition verschlech-
tern. Vor allen Dingen ist m verhüten, daß Freiherr von Werther den Eindruck macht,
als ob er oder gar wir einzuschüchtern wären. Seine Reise nach Ems wird diesen falschen
Eindruck machent. —
R. H. Lord, The Origins of the War of 1670. p. 128.
1567. Schrelben an den Rat im Königlichen Gefolge
Abeken, z. Zt. in Ems.
[Reinschrift von der Hand des Vortragenden Aats Bucher.]
Varzin, den 5. Juli 1870.
Cuer Hochwohlgeboren teile ich zur Benutzung bei dem Immediatvortrage einige An-
sichten über die Behandlung der Ipanischen Frage mit. MWeines Erachtens hätte Herr
von Wertber jede Besprechung der Sache, als einer ihm und seiner Regierung fremden,
von sich abweisen sollen. Daß er nach Ems gegangen, muß von uns als eine gefüällige
Bereitwilligkeit, sich zu informieren und der befreundeten französischen Regierung möglichst
rasch die zugängliche Aufklärung zu verschaffen, geltend gemacht werden und vor allen
Dingen verhütet, daß diese politische Reise des Königlichen Botschafters etwa den An-
schein gewinne, als lei sie ein Ergebnis der „allerbeden klichsten Eindrücke von
1 Das obige Telegramm Vismarcks, der mit Ems in direkter Cbiffre-Verbindung stand, wurde von
Bucher knapp drel Stunden spöter dem Auswärtigen Amt mit dem Zusat übermittelt: „Galls andere Zeitungen
die Sache besprechen, empfieblt Graf Bismarck, mnächst Variationen Über den #welten Satz des vorstebenden
Telegramms an GOebeimrat Abeken etwa in der „Kölnischen“ u geben. An Prin) Reuh bittet er äbnliche
Miltteilung wie an Freiberr von Wertber.“