Zulassung englischer und amerikanischer Kriegskorrejpondenten. 427
*12712. Schrelben an den Staatsmintster von Roon.
[Konzept von der Sand des Vortragenden Rats von Keudell.]
Nach Kriegsausbruch hatte eine größere Anjahl von englischen und amerikanischen
Journalisten darum gebeten, den deutschen Hauptquartieren als Kriegskorrespondenten folgen m
dürfen. In militärischen Kreisen bestand wenig NReigung, diesen Bitten zu entsprechen; Bismarch
ober wünschte wenigstens den einen und den anderen angellächsischen Korrespondenten zugelassen
zu sehen und verwandte sich bei dem Könige und bei ARoon zugunsten des Korrespondenten der
„Limes“ William Russel (ogl. dessen Sespräch mit Bismarck vom 23. Juli, Die Gesammelten
Werke, VII, 310) und des Privatsekretärs des amerikanischen Gesandten Bancroft. Hance, der
filr die „New Vork Tribune“ ins Seld zu geben wünschte. Auch für einen zweiten „Times“-
Korrespondenten, Colonel Pemberton, letzte sich Bismarck auf Wunsch des Führers der Ersten
Armee, rinz GSriedrich Karl von Preußen, warm ein.
Berlin, den 26. Juli 1870.
Ew. pp. beehre ich mich in Berfolg meines Schreibens vom heutigen Tage, die Zu-
lassung des „Limes“-Korrespondenten William Aufsel betreffend, anliegend ein Schreiben
ganz ergebenst zu überreichen, in welchem Seine Königliche Hoheit der Prinz Friedrich Karl
den Wunsch eines zweiten „Cimes“-Korrespondenten Colonel Pemberton, sich höchstseinem
Hauptquartier anschließen zu dürfen, befürwortet. Ich habe mich vergewissert, daß dieser
zweite Korrespondent mit dem ersten, Russel, in vollem Einvernehmen steht und gleichartige
Auffassungen zur Geltung bringen wird.
Die Franzosen haben allen fremden Korrespondenten den Zutritt zur Armee verwehrt,
vermutlich weil sie in manchen Bezichungen ein unparteiisches Urteil scheuen und vorziehen,
ihre Kriegsgeschichte für sich allein zu schreiben. Bei uns steht es anders. Wir baben
nichts zu verdecken; im Gegentheil, unsere Armee ulnd] unfre Sitten sind so beschaffen, daß
wir die unparthelische Beleuchtung durch wohlwollende Neutrale nur wünschen könnent:.
Manches bei uns, was uns selbstverständlich erscheint, ruft die Bewunderumg intelligenter
Ausländer hervor. Michts kann unserer politischen Stellung zu England und Anmerika
förderlicher sein, als wenn in den beiden einflußreichsten Blättern beider Länder — viel-
leicht der ganzen Welt — möglichst eingebende Schilderungen unserer Armee im Selde
figurieren. Auch wenn kriegerische Härten oder Unglücksfälle vorkommen, würden in
diesen Weltblättern die geeignetsten Organe zu finden sein, um Anschuldigungen von feind-
lichen Seiten im Interesse unparteüscher Geschichtsschreibung auf das richtige Maß zurück-
zuführen.
Von dieser Anschauung ausgehend, erlaube ich mir Ew. pp. ganz ergebenfst zu ersuchen,
den von Seiner Königlichen Hoheit dem Prinzen Griedrich Karl ausgesprochenen Wumsch
bei Seiner Majestät dem Könige geneigtest befürworten und eventuell dem Leutnant-
Colonel Pemberton (Hotel du Mord) die erforderliche Legitimation gewähren zu wollens.
1 Der Satz vom Semikolon an beruht auf eigenbändiger Korrektur Bismarcks.
: Nachdem der König die Zulaslung Pembertons genehmigt hatte. letzte Bismarck den Prinzen Friedrich
Karl davon durch ein Schreiben vom 31. Juli in Kenntnis. Auch päterbin hat Bismarck sich mebrfach für
die Sulassung von Kriegsberichterstattern eingesezt; sedoch muß von der Milteilung welterer Schriftjtũcke in
diesem Sinne Abstand genommen werden.