I.
Vom Tode Kaiser Wilhelms l. bis
zur Entlassung des Fürsten Bismarck
20. März 1890).
bis 15. Iuni 1888.)
Diejenigen, welche gehofft hatten, Kaiser Friedrich III. werde seine Regierung
amtreten mit der Entlassung des Fürsten Bismarck, erlebten jetzt eine bittere Ent-
tänschung. Denn die allererste Regierungshandlung des Kaisers vom 9. März 1888
war ein Danktelegramm an den Reichskanzler und an das Staatsministerium „gfür
die Hingebung und Treue, mit welcher Sie alle Meinem geliebten Herrn Vater dienten.
Ich rechne auf Ihrer aller Beistand bei der schweren Aufgabe, die Mir wird“. In
demselben Telegramm setzte der Kaiser seine Abreise von San Remo auf den 10. März
morgens fest. Am nämlichen Tage bekundete der Kaiser seine hochherzige Gesimung
in dem schönen Erlaß an das Staatsministerium über die Landestraner: „Hinsichtlich
der bisher üblich gewesenen Landestrauer wollen Wir keine Bestimmung tressen, viel-
mehr einem jeden Deutschen überlassen, wie er angesichts des Heimgangs eines solchen
Monarchen seiner Betrübnis Ansdruck geben, auch die Dauer der Einschränkung öffent
licher Unterhaltungen für sachgemäß erachten will.“
Am Frühmorgen des 10. März reiste der Kaiser mit der Kaiserin und den drei
Prinzessinnen von San Remo ab. Auf dem Bahnhof von San Pier d'Arena bei
Genna hatten sich der König von Italien und der Ministerpräsident Crispi ans Rom
zur Verabschiedung eingefunden. An allen Stationen, an denen der kaiserliche Sonder-
zug hielt, erfuhr der nene Herrscher Deutschlands erhebende und rührende Beweise
der Liebe des gastlichen Volkes, in dessen Land er Heilung gesucht hatte, dann seines
eigenen dentschen Volkes. Die laute Begeisterung, die sonst wohl dem Sieger von
Wörth entgegengebraust wäre, wurde jetzt gedämpft durch die tiese Kaisertrauer des
Volkes und durch die schwere Sorge um das Befinden des neuen Herrn. Am Abend
des 11. März um ½7 Uhr lief der kaiserliche Sonderzug auf dem Berliner Bahnhof
in Leipzig ein, den eine große Menschenmenge umlagerte. Hierher waren dem Kaifer
Fürst Bismarck, dessen Sohn Staatssekretär Graf Herbert Bismarck und das gesamte
preußische Staatsministerimm entgegengereist. Fürst Bismarck stieg zuerst in den
kaiserlichen Salonwagen. Ergreisenden Eindruck machte es, als der Kaiser dem Fürsten
schnell entgegenschritt und ihn wiederholt umarmte und küßte. Bismarck mußte im
Salonwagen verbleiben und bis Charlottenburg mitsahren.