Full text : Bilder aus der letzten Kaiserzeit.

VII.  Briefe  eines  Sehenden.

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essen  *)  die  Ernennung  Bülows  propagierk,  weil  sie  mir  noch  am  ersten
Erfolg  zu  versprechen  schien.  Und  als  ich  dann,  um  Abschied  von  San
Giorgio  zu  nehmen  und  die  Stimmung  in  Oberitkalien  zu  erkunden,  im
Januar  für  14  Tage  nach  Portofino  fuhr,  habe  ich,  schriftlich  von  dort  aus
und  mündlich  nach  meiner  Rüchkkehr,  immer  wieder  auf  rechtzeitige
österreichische  Zugeständnisse  an  Italien  gedrängk,  durch  die  allein  der  Abfall
  Italiens  m.  E.  zu  verhindern  war.  Zimmermann  gab  damals
meinen  Brief  an  den  österreichischen  Botschafter  als  Stimmungsbild  und
in  vielen  Telegrammen  und  Erlassen  nach  Wien  wurde  dann  in  den
folgenden  Wochen  und  Monaten  die  Notwendigkeit  einer  Verständigung
mit  Italien  betont.  Aber  ich  habe  doch  den  Eindruchk,  daß  man  sich  bei
uns  des  Ernstes  der  Lage  nicht  voll  bewußt  war  und  nicht  sah,  wie  die
Arbeit  unsrer  Gegner  den  Boden  unterminierte.  Sonst  hätte  man  das
„bis  dat  qui  cito  dat“  dem  Wiener  Kabinekt  doch  wohl  noch  nachdrüchklicher
klargemacht.  Offenbar  glaubte  man,  daß  die  Zugeständnisse  immer  noch
zurzeit  kommen  würden.  Hat  doch  selbst  ein  Mitglied  unfrer  politischen
Abkeilung  einem  meiner  Bekannten  am  Tage  der  italienischen  Kriegserklärung
  an  Österreich  ganz  freimütig  eingeräumt,  daß  er  noch  am  Tage
vorher  den  Krieg  mit  Italien  für  ausgeschlossen  gehalten  habe!  Aber  ein
Stein,  der  erst  einmal  im  Rollen  ist,  läßt  sich  nicht  aufhalten.

Daß  man  jetzt  Bülow  die  Schuld  für  das  Geschehene  zuzuschieben
suchk,  begreise  ich  vom  Amtsstandpunkt  aus  allenfalls,  aber  in  der  Welt
wird  man  damit  wenig  Gläubige  finden.  Und  sollke  doch  am  Ende  noch
irgendwo  ein  solcher  existieren,  so  wird  Bülow  schon  dafür  sorgen,  daß
er  aufgeklärt  wird.  Lassen  Sie  sich  auch  durch  den  Beifall  zur  Reichskanzlerrede
  )  nicht  täuschen.  Das  war  Beifall,  der  auf  unfre  Gegner
berechnet  war  und  der  in  Rom,  Paris  und  London  vernommen  werden
sollte.  Taksächlich  wird  es  kaum  jemand  in  Deutschland  geben,  der  nicht
überzeugt  ist,  daß  das  österreichische  Angebot,  wenn  es  rüchhaltloser  und
früher  gemacht  worden  wäre,  seinen  Zweck  erreicht  hätte.  Hat  doch  Sonnino
selbst  Bülow  noch  gegen  Ende  April  erwidert,  vor  vier  Wochen,  ja  noch
vor  vierzehn  Tagen  hätten  diese  Zugeständnisse  genügt,  und  dann  auf  die
Frage  „und  heute?“  vielsagend  geschwiegen  und  die  Achseln  gezuckt.  Daß
die  deutsche  öffentliche  Meinung  für  diese  kakastrophale  Verzögerung  die
Verantworkung  nicht  nur  nach  Wien,  sondern  auch  nach  Berlin  legt,  unkerliegt
  für  mich  nicht  dem  geringsten  Zweifel.  Zu  viele  Menschen  der  verschiedensten
  Gesellschaftsschichten  haben  dies  mir  gegenüber  ausgesprochen

*)  Der  Kanzler  hatte  Herrn  v.  Mumm  die  Nachfolge  des  Botschafters  v.  Flotew
in  Rom  anbieten  lassen.

**)  Rede  vom  28.  Mai  1917  über  das  Loeschlagen  Italiens,  die  feindliche  Greuelpropaganda
  usw.

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