Arthur
v. Brauer
346 EIN BRIEF BRAUERS
sein Abgang unter anderen Verhältnissen stattgefunden hätte. So ist sein
Rückblick auf seine glänzende Laufbahn durch manche schwere Wolke ver-
düstert und verbittert, und das ist schade für ıhn, der dem Vaterlande so-
viel Zeit und Kraft geopfert hat. Das aber ist das Los von vielen Staats-
männern gewesen. Wir brauchen ja nicht weit zurückzublicken, und damit
wird sich der Fürst Bülow trösten.“ Der leitende Minister in Braunschweig,
Exzellenz Otto, schrieb meinem mit ihm seit lange befreundeten Bruder
Alfred: „Schmerzlich hat mich das Scheiden Ihres Herrn Bruders aus dem
Amt des Reichskanzlers berührt. Ich beklage es um Deutschlands willen
tief, daß die Verhältnisse dem Reich diesen schweren Verlust bringen
mußten.“ Graf Max Berchem, unter Bismarck Unterstaatssekretär des
Auswärtigen Amts, schrieb mir: „Als einstiger Soldat der großen Armee
blicke ich mit Stolz auf die Führung, welche uns in Fortsetzung des alten
Kommandos die schönen Strecken Delcasse und Iswolski neben anderen
Erfolgen lieferte. Mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns über Hochderen
Rücktritt verbinde ich jedoch die Hoffnung, daß Sie, verehrtester Fürst,
mit den Geschicken des Vaterlandes in Fühlung bleiben werden.“
Arthur von Brauer war einer der besten Köpfe, über die das Muster-
ländle Baden zu verfügen hatte. Erst im Konsulardienst, dann Vor-
tragender Rat im Auswärtigen Amt, wurde er 1890 als Nachfolger des Frei-
herrn von Marschall badischer Gesandter in Berlin, 1893 badischer Minister
des Großherzoglichen Hauses und des Äußern, 1901 badischer Minister-
präsident. Wir waren uns schon in jungen Jahren, im Winter 1875/76 in
St. Petersburg, nähergetreten, wo er als deutscher Konsul, ich als Dritter
Botschaftssekretär fungierte. Zu meinem Rücktritt schrieb er mir: „Nach-
dem Ihre Enthebung vom aktiven Dienst nunmehr amtlich bekannt-
gemacht ist, will ich nicht länger zögern, Ihnen mein tiefstes Bedauern aus-
zusprechen, daß wir fortan Ihrer erfolgreichen Fübrung entbehren sollen.
Ihrer großen Geschicklichkeit war es in diesem Winter und Frühjahr so oft
gelungen, Konservative und Liberale wieder zusammenzuführen, daß ich
der festen Zuversicht war, Sie würden das schwere Werk einer ver-
ständigen Finanzreform zustande bringen. Ich traute den Konservativen,
ich will nicht sagen mehr politische Einsicht zu, denn auf ‚Einsicht‘ darf
man ja in Deutschland bei keiner politischen Partei rechnen, aber ich
traute ihnen soviel patriotischen Sinn zu, daß sie uns nicht wegen einer
unbequemen Steuer in diese Lage bringen würden. Indessen die einmütige
Anerkennung, die Ihrem Wirken von allen Seiten zuteil wird, muß Ihnen
zeigen, daß Deutschland weiß, was es an Ihnen verliert. Sie können mit
dem Bewußtsein scheiden, Deutschland in der inneren und äußeren Politik
auf eine Höhe geführt zu haben, die wir seit Bismarcks Entlassung nicht
mehr kannten. Das sage ich Ihnen als alter Freund und Bewunderer.“