Full text : Die Weltgeschichte. Zweiter Theil. Das Mittelalter. (2)

Verfall  und  Sturz  des  ostgothischen  Reichs.  7

ihn  der  edle  und  gelehrte  Bosthius  mit  der  Aeußerung  vertheidigte,
wenn  Albinus  schuldig  sei,  so  theilte  der  ganze  Senat  dessen  Verbrechen,
beredeten  die  Ankläger  des  Albinus  den  König,  die  Rede  des  Bosthius
geradezu  wörtlich  zu  nehmen.  Er  ließ  den  Papst  in  das  Gefängniß
werfen,  in  welchem  derselbe  bald  starb,  ebenso  viele  Senatoren,  unter
ihnen  den  Bosthius  und  dessen  würdigen  Schwiegervater  Symmachus,
wollte  durch  Folterqualen  Geständnisse  erpressen  und  ließ  zuletzt  den
Bosthius  und  Symmachus  binrichten  (525).  Im  Gefängnisse  schrieb
Boêthius  als  der  letzte  römische  Philosoph  sein  berühmtes  Werk  „de
consolalione  philosophiase“;  früher  hatte  er  trotz  seiner  Thätigkeit  als
höherer  Beamter  die  Bearbeitung  klassischer  Hauptwerke,  namentlich  aristotelischer
  Schriften,  ausgeführt  und  darin  einen  Schatz  der  alten  Wissenschaft
  niedergelegt,  der  im  Mittelalter  dankbar  benützt  wurde.

Theodorich  wurde  seit  diesen  Hinrichtungen  von  Gewissensbissen  gefoltert,
  hätte  aber  wahrscheinlich  die  Verfolgung  noch  weiter  ausgedehnt,
wenn  er  nicht  526  durch  den  Tod  von  solcher  seines  frühern  Lebens
unwürdigen  Rolle  abberufen  worden  wäre.

Versall  und  Sturz  des  ostgothischen  Reichs  (526—553).
Amalasuntha  526—534.

Ihm  folgte  sein  siebenjähriger  Enkel  Athalarich  unter  der  Vormundschaft
  seiner  Mutter  Amalasuntha  (der  Wittwe  eines  Westgothen
aus  dem  königlichen  Hause  der  Amalunger);  die  hochgebildete  Frau  vermochte
  aber  die  Eigenmächtigkeit  der  gothischen  Großen  nicht  zu  bändigen
und  als  Athalarich  534  starb,  weigerten  sich  die  Gothen  ihr  ferner  zu
geborchen.  Sie  wählte  deßwegen  einen  Schwestersohn  Theodorichs,
Theodahat,  zum  Gemahl,  der  sie  bald  darauf  ermorden  ließ.

Die  Byzantiner  erobern  Italien  534—553.  Belisar.  Narses.
Theodahat.  Witiges.

Diese  Unthat  nahm  Kaiser  Justinian  L  zum  Vorwande  um  Theodahat
  zu  bekriegen;  denn  Amalasuntha  hatte  als  Freundin  des  Kaisers
den  byzantinischen  Schiffen  während  des  Krieges  gegen  die  Vandalen
die  sicilischen  Häfen  geöffnet  und  die  Ausfuhr  von  Lebensmitteln  für  das
Heer  in  Afrika  gestattet,  der  leichte  Sturz  des  vandalischen  Reichs  aber
ermunterte  den  Kaiser  die  Wiedereroberung  Italiens  zu  versuchen.  Ein
byzantinisches  Heer  entriß  den  Gothen  535  Dalmatien  mit  leichter  Mühe,
mit  einem  andern  landete  Belisar  auf  Sicilien,  dessen  er  sich  mit  Hilfe
der  Einwohner  fast  ohne  Kampf  bemächtigte,  die  meisten  Hafenplätze
Unteritaliens  aber  lieferte  ihm  der  Verrath  eines  Verwandten  des  Theodahat
  in  die  Hände.