Full text: Die Weltgeschichte. Dritter Theil. Die neue Zeit. (3)

Das zweite franzoͤsische Kaiserthum. 667 
misten und Orleanisten, weil weder Heinrich V. noch der Erbe Louis 
Philipps an der Spitze des Staates ständen. Männer der orleantstischen 
und legitimistischen Partei drangen vergebens auf ein gemeinsames Zu- 
sammenwirken zu dem Zwecke, daß die Orleanisten das Thronrecht 
Heinrichs V. anerkennen sollten, wogegen der kinderlose Heinrich V. 
den Grafen von Paris adoptieren würde. Der Plan (Fusion) scheiterte 
an dem Widerstreben orleanistischer Parteihäupter, die auf einem andern 
Wege schneller zum Ziele kommen wollten. Sie hofften nach der Be- 
schränkung des allgemeinen Stimmrechts bei der nächsten Präsidenten- 
wahl Louis Philipps populärsten Sohn, den Herzog von Joinville, 
durchzusetzen, dann konnte es nicht mehr schwer sein, den zertrümmerten 
Thron des Bürgerkönigs für den Grafen von Paris wieder aufzurich- 
ten. Louis Napoleon war aber nicht geneigt, sich zur Brücke für Fu- 
sionisten oder für pure Orleanisten herzugeben, und entsetzte am 9. Ja- 
nuar 1851 den General Changarnier des Oberbefehls über den 
ersten Militärbezirk (die in Paris liegende Armee), weil sich derselbe 
durch keinen vorgehaltenen Preis gewinnen ließ, sondern eher geneigt 
schien, die Rolle des Generals Monk (s. S. 153) zu spielen. Der 
Präsident beantragte ohne Erfolg eine Verfassungsrevision, die ihm seine 
Gewalt verlängern sollte; er fand die Législative seinen Entwürfen ent- 
schieden abgeneigt, deßwegen wandte er sich an die Volksmasse und die 
Soldaten. Letztere gewann sein Name und seine persönliche Erscheinung, 
Offiziere und Generale die Aussicht auf Beförderung, wie den Soldaten 
war ihnen ohnedies die Vielrednerei der Législative verhaßt; die Volks- 
masse, namentlich das Landvolk, theilte diese Gesinnung und wurde noch 
mehr gereizt, als die von dem Präsidenten beantragte Wiederherstellung 
des allgemeinen Stimmrechts von der Législative im November ver- 
worfen wurde. Jetzt umgab sich Louis Napoleon mit einem rein bona- 
partistischen Ministerium (Morny, St. Arnaud, Fould, Rouher), 
und am 2. Dezember führte er den allgemein erwarteten Schlag in 
seinem ganzen Umfang, indem er die Législative sprengte, ihre ausge- 
zeichnetsten Mitglieder arretierte und theilweise erilierte, den Staatsrath 
und Kassationshof aufhob, der Presse den Zaum anlegte, das allgemeine 
Stimmrecht wiederherstellte und zugleich seine Wahl zum Präsidenten auf 
zehn Jahre zur Abstimmung brachte, einen matten Aufstand zu Paris 
und die Bewegungen der Rothen in 30 Departements rasch niederschlug. 
Den 20. Dezember wurde das Ergebniß der Volksabstimmung bekannt 
gemacht: 7½ Millionen Franzosen hatten Louis Napoleon zum 
Präsidenten auf zehn Jahre erwählt und nun schritt er abgemessenen 
Ganges dem Kaiserthume zu. Am 1. Januar 1852 wurden die Adler 
wieder das Feldzeichen der französischen Armee, gleichzeitig wurden die 
Preßvergehen der Aburtheilung durch die Jury entzogen; bald darauf
	        
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