Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 3. (3)

384 Garibaldi. Garantie des päpstlichen Gebiets. Besuch in London. 
Nationalität zu errichten. Baron Budberg selbst erklärt, daß man von den Italienern 
nichts Unmögliches, also auch keine Bürgschaft wegen ihres Verhaltens in betreff 
Venedigs und Roms habe verlangen können. 
Ich lasse dahingestellt sein, ob und welche Nebenverabredungen bei dieser Gelegenheit 
dennoch stattgefunden haben; dieselben können, wie man sagt, Bequemlichkeiten für die 
russische Schiffahrt in den italienischen Häfen oder Bürgschaften gegen Freischaren- 
Unternehmungen nach den türkisch-slawischen Provinzen, vielleicht auch Zusicherungen 
Frankreichs wegen Abänderung der Stipulationen des Pariser Friedens in Hinsicht des 
Schwarzen Meeres und anderer Fragen im Orient betreffen; doch glaube ich darüber 
gewiß zu sein, daß sie Venedig und Rom nicht berühren. 
Man sagt, daß Garibaldi auf einer Unternehmung begriffen sei, als deren Ziel nach 
der unwahrscheinlichsten Version das römische Gebiet, nach anderen Griechenland oder 
Serbien bezeichnet wird. Die letzte Meinung, wenn die Tatsache überhaupt richtig ist, ist 
wohl die glaublichste. Das Turiner Kabinett hat versichert, allen Werbungen und bewaff- 
neten Unternehmungen Garibaldis nötigenfalls mit Gewalt entgegentreten zu wollen, ihn 
aber von einer Reise, welche er allein oder mit geringem Gefolge unternehmen wolle, nicht 
abhalten zu können. 
Auf den Vorschlag einer Garantie des päpstlichen Gebietes durch die Großmächte 
hat der Papst nunmehr geantwortet und zwar nicht, wie man vermutete, mit einer be- 
stimmten Ablehnung, sondern mit dem Verlangen, zunächst die Garantie von seiten 
Piemonts zu beschaffen, bevor die römische Kurie sich auf weitere Verhandlungen ein- 
lassen könne. Herr Thouvenel hat bei einer heutigen Besprechung dieser Angelegenheit 
mit dem Fürsten Metternich dem letzteren keinen Zweifel darüber gelassen, daß das hiesige 
Kabinett die Garantie nicht nur sämtlicher Großmächte, sondern aller Unterzeichner der 
Wiener Kongreßakte in Aussicht genommen habe, also ein Ziel, dessen Erreichung der 
Kaiser Napoleon selbst nicht für wahrscheinlich halten kann. 
357. Bericht an König Wilhelm I. 
[Ausfertigung.] 
8. Juli 1862. 
In Benutzung der mir von E. M. allergn. gewährten Erlaubnis habe ich mich zu 
Anfang der vorigen Woche nach London begeben¹) und dort Gelegenheit gehabt, mit Lord 
Russell und Lord Palmerston verschiedene Tagesfragen zu besprechen. 
Von besonderem Interesse war es mir, die Ansichten dieser beiden Staatsmänner über 
unsere heimischen Zustände kennenzulernen, und bin ich einigermaßen überrascht worden 
von dem Mangel an Verständnis derselben, welchem ich bei beiden begegnete, und 
zwar, wie mir schien, in noch höherem Grade bei Lord Palmerston.²) 
Derselbe betrachtet es als eine unausweichliche Notwendigkeit, daß E. K. M. 
allerhöchstdero Ministerium aus dem Schoße der oppositionellen Mehrheit des Ab- 
geordnetenhauses wählten. Er kannte die preußische Verfassung nicht näher, leitete aber 
1) Am 30. Juni reiste B. mit dem damaligen preußischen Gesandten in Lissabon, Harry v. Arnim, 
zum Besuch der Weltausstellung nach London, von dem er am 5. Juli zurückkehrte. 
2) Vgl. dazu Brief an die Gattin vom 5. Jull 1862.