Metadata : Der Kanzler.

auf  einige  Monate  zur  Dienstleistung  in  ein  Ulanenregiment,
focht  tapfer  gegen  Staub  und  markirte  Feinde,  und  da  ich
auch  im  Drange  dieser  Thaten  meine  Ruhe  nicht  fand,  brauchte
ich  das  Universalmittel  für  Derliebte,  ich  ging  auf  Reisen
und  wurde  wieder  liederlich.  Don  Edinburg  durch  England
und  Frankreich  trug  ich  meinen  Kummer  über  die  Alpen,
und  war  im  Begriff  über  Triest  nach  dem  Orient  zu  gehen,
eventualiter  die  Afghanen  durch  die  Lupe  zu  besehen,  wozu
ich  mit  Empfehlungen  ausgerüstet  war,  als  mir  mein  Dater
in  einem  thränenfeuchten  Brief,  der  von  einsamem  Allter
(75  Jahr,  Witwer,  taub),  Sterben  und  Wiedersehen  sprach,
die  Heimkehr  anbefahl.  Ich  kam  zurück  —  er  starb  nicht  —
und  ich  suchte  in  diesem  Sommer  einem  CLeiden  durch  Dieffenbach
  und  Norderney  abzuhelfen.  Dorher,  im  Frühjahr,  machte
ich  einen  sechswöchentlichen  Dersuch,  eine  andere  Krankheit,
eine  an  TLebensüberdruß  grenzende  Gelangweiltheit  durch
alles,  was  mich  umgiebt,  zu  heilen,  indem  ich  mich  durch
besondere  Dergünstigung  eines  unserer  Minister  als  Dolontär
wieder  im  Staatsdienst  beschäftigen  ließ,  und  die  angestrengte
Arbeit  in  der  insipiden  und  leeres  Stroh  dreschenden  Schreiberei
  unserer  Derwaltung,  als  eine  Krt  von  geistigem  Holzhauen
  betrachtete,  um  meinem  theilnahmslos  erschlafften  Geist
wieder  etwas  von  dem  gesunden  Sustande  zu  geben,  den  einförmige
  und  regelmäßige  Thätigkeit  für  den  Körper  herbeizuführen
  pflegt.  Kber  theils  war  mir  die  krähwinklige  An—
maßung  oder  lächerliche  herablassung  der  Vorgesetzten  nach
langer  Entwöhnung  noch  fataler,  als  sonst,  theils  nöthigten
mich  häusliche  Dorfälle,  Unordnungen  in  meiner  Verwaltung,
Derlust  meines  bisherigen  ZKdministrators  u.  s.  w.  nach  meiner
Rückkehr  von  Uorderney,  die  Derwaltung  meiner  Güter  wieder
selbst  zu  übernehmen.  Seitdem  sitze  ich  hier  lin  Nniephofl,
unverheirathet,  sehr  einsam,  20  Jahre  alt,  körperlich  wieder
gesund,  aber  geistig  ziemlich  unempfänglich,  treibe  meine
Geschäfte  mit  Pünktlichkeit,  aber  ohne  besondere  Theilnahme,
suche  meinen  Untergebenen  das  Leben  in  ihrer  Krt  behaglich
zu  machen  und  sehe  ohne  ärger  an,  wie  sie  mich  dafür  betrügen.
Des  Vormittags  bin  ich  verdrieslich,  nach  Tische  allen  milden

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