258 Falsche Auffassung Usedoms von Englands Haltung gegen Preußen.
An demselben Tage, an welchem Herr Benedetti mir das Billett schrieb, hatte er eine
Unterredung mit dem Herrn Unterstaatssekretär, in welcher er ebenfalls den Wunsch aussprach,
Mitteilungen von uns zu erhalten, und sich beklagte, daß die Sachen nicht vorwärts
gingen. Rien ne marche, bemerkte er, nous ne faisons pas de progrès — et nous avons
si peu de temps devant nous — nous n’'avons due 11 ou 12 jours jusqu'fa I’ouverture
des séances du corps législatif — et puis vient le livre jaune;³ et Vous savez, combien
dépend d’'une pièce, d’'un virgule meme — je Vous avoue que j'ai peurl!
H. Oncken, Die Rheinpolitik Kaiser Napoleons III. von 1863 bis 1870, II, 196 f.
*678. Erlaß an den Gesandten in Florenz Grafen von Usedom.
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.]
Vertraulich. Berlin, den 6. Februar 1867.
Ew. pp. erwähnen in Ihrem gefälligen Bericht Nr. 11 vom 22. v. M. unter den
Momenten der europäischen Politik auch der Stellung des gegenwärtigen englischen
Ministeriums und geben dabei von der Voraussetzung aus, daß dasselbe eine österreichische,
Preußen feindliche Tendenz verfolge, und daß ein Umschwung in England, welcher die
Whigs und die Russell-Gladstonesche Partei wieder ans Ruder führte, uns günstig sein
würde. Diese Auffassung entspricht den Thatsachen nicht und könnte Ew. pp. irrthümliche
Unterlagen für Ihr Verhalten gewähren.¹ Jene Befürchtungen sind wohl vor dem Eintritt
der Tory-Regierung ausgesprochen worden; sie haben sich aber in keiner Weise bewahr--heitet.
Die Stellung, welche das gegenwärtige Ministerium zu den Ereignissen des vergangenen
Jahres genommen hat,² ist eine uns durchaus günstige. Ich habe angenommen,
daß Ew. pp. diese Tatsache aus bekannten Äußerungen und Erklärungen des englischen
Kabinettes selbst entnommen haben würden. Dasselbe hat nicht nur niemals, weder während
des Krieges, noch während der darauf folgenden Verhandlungen, irgendeine Spur
von Begünstigung Österreichs gezeigt; nicht nur die Annexion sowohl von Hannover, wie
von den Elbherzogtümern ohne Widerstreben, ohne irgendeine Äußerung des Protestes
oder der Empfindlichkeit sich vollziehen lassen und in Bezug auf die diplomatischen Verhältnisse
und alle aus der Annexion fließende Folgen sich vollkommen korrekt, ja entgegenkommend
benommen, sondern auch auf das deutlichste zu erkennen gegeben, daß die Stärkung
Preußens und die Stellung desselben als leitende Macht in Deutschland ihm erwünscht
sei und als den Interessen Englands entsprechend erkannt werde. Wir dürfen annehmen,
daß bei den jetzt leitenden Staatsmännern der Tories in England die Überzeugung durchgedrungen
sei, daß eine Begünstigung Österreichs gegen Preußen und eine Anlehnung an
erstere Macht für England keinen Stützpunkt auf dem Kontinente mehr darbieten könne.
---------------------- 3 Zur Eröffnung der Kammern am 14. Februar sollte ein ausführliches Gelbbuch über die politische
Lage Frankreichs ausgegeben werden. Es erschien unter dem Titel: „Exposé de la Situntion de I`Empire
résenté au Senat et au Corps Lgislatif. Février 1867“. drückte sich jedoch über die zwischen Berlin und
Paris seit dem Kriege 1866 ventilierten Fragen mit Zurückhaltung aus. Über die Napoleonische Mediation
hieß es: „Les ellorts conciliants du cnbinet français ne tarddrent pas (1) à amener la conclusion d’un
arrmistice et Touverture de négociations sur les bases due nous avions recommandées.“ Über die Nordschleswigsche
Frage: „Le cabinct de Berlin promit de consulier sur leur sort les Populations du Schles-’
sepientrionnal.“ Über das Koalitionsrecht der süddeutschen Staaten: „D’ailleurs les Etats du sud ont
conservé le droit absolu de décider quels rapports existeront entre eux et de firer ceux du’ils entretlendront
avec la Confédération du nord.“
678. 1 Der Satz beruht auf eigenhändiger Korrektur Bismarcks.
2 Vgl. dazu Nr. 526, Vorbem.