Volltext : Handbuch für Preußische Verwaltungsbeamte. Zweiter Band. (2)

236  Abschnitt  XXXIII.  Betrieb  von  Bäckereien  und  Konditoreien.

d)  ob  auf  der  Kalendertafel  die  vom  Arbeitgeber  ausgewählten  Ueberarbeitstage
  vorschriftsmäßig  durchlocht  oder  mit  Tinte  durchstrichen,  und  ob  etwa
mehr  als  20  Tage  in  dieser  Weise  als  Ueberarbeitstage  kenntlich  gemacht
find  (I.  3b  und  4  der  Bekanntmachung).

3.  In  den  vorstehend  unter  2  bezeichneten  Betrieben  hat  der  revidirende  Beamte
bei  jeder  Revision  auf  der  Kalendertafel  einen  Revisionsvermerk  zu  machen.

III.  Die  Ortspolizeibehörde  hat  eine  Liste  zu  führen,  in  die  alle  reoidirten
Betriebe  und  bei  jedem  Betriebe  die  Daten  der  vorgenommenen  Revisionen  einzutragen
  find.  Den  zuständigen  Gewerbeaufsichtsbeamten  ist  diese  Liste  auf  Ersuchen
zur  Einsicht  vorzulegen.  4#

IV.  Den  Gewerbeaufsichtsbeamten  steht  gemäß  §.  139b  der  Gewerbeordnung
  neben  den  ordentlichen  Polizeibehörden  die  Aufsicht  über  die  Ausführung  der
Bekanntmachung  des  Reichskanzlers  zu.  Nehmen  die  Gewerbeauffichtsbeamten  in  der
Revifionsthätigkeit  der  Beamten  der  örtlichen  Polizei  Mängel  wahr,  so  haben  sie
hiervon  der  vorgesetzten  Behörde  dieser  Beamten  Anzeige  zu  erstatten.

V.  Wird  eine  mit  dem  polizeilichen  Stempel  versehene  Kalendertafel  (I.  4  a  der
Bekanntmachung  des  Reichskanzlers)  im  Laufe  des  Kalenderjahres  in  Folge  von  Beschädigungen
  und  dergleichen  unbrauchbar  und  deshalb  der  Ortspolizeibehörde  eine
neue  Tafel  zur  Abstempelung  vorgelegt,  so  hat  die  Ortspolizeibehörde  die  auf
der  alten  Tafel  durchlochten  oder  durchstrichenen  Tage  auch  auf  der  neuen  Tafel  zu
durchlochen  oder  zu  durchstreichen  und  auf  die  alte  Tafel  den  Vermerk  zu  setzen,  daß
sie  ungültig  sei.

VI.  Auf  Grund  der  Vorschrift  unter  I.  3  a  der  Bekanntmachung  des  Reichskanzlers
  ist  die  untere  Verwaltungsbehörde  befugt,  für  höchstens  zwanzig  Tage
im  Jahre  Ueberarbeit  zu  gestatten.  #

Diese  Vorschrift  soll  in  erster  Linie  dem  Umstande  Rechnung  tragen,  daß  sich
die  Arbeit  regelmäßig  zu  gewissen  Zeiten  des  Jahres,  zum  Beispiel  vor  den  hohen
Festen  und  vor  Markttagen,  besonders  anhäuft.  Die  untere  Verwaltungsbebörde  hat
deshalb  für  diejenigen  Tage,  an  denen  alljährlich  regelmäßig  Arbeitshäufung  und
Bedürfniß  nach  Ueberarbeit  eintritt,  im  Voraus  Ueberarbeit  zu  gestatten.  Hierbei  ist
darauf  Bedacht  zu  nehmen,  daß  nicht  schon  alle  zwanzig  Ueberarbeitstage  durch  die
allgemeine  Anordnung  erschöpft  werden,  sondern  daß  ein  Theil  der  Ueberarbeitstage
für  unvorhergesehene  Ereignisse,  die  allgemein  einen  erhöhten  Bedarf  an  Backwaaren
im  Gefolge  haben,  z.  B.  für  Truppenübungen,  aufgespart  bleibt.

Tritt  in  einzelnen  Betrieben  noch  an  anderen  als  den  von  der  unteren  Verwaltungsbehörde
  allgemein  als  Ueberarbeitstage  frei  gegebenen  Tagen,  in  Folge  besonderer
  Umstände,  z.  B.  wegen  eiliger  größerer  Bestellungen  oder  wegen  erheblicher
Verzögerungen  in  der  Beendigung  des  Backprozesses,  das  Bedürfniß  hervor,  die
regelmäßige  Arbeitszeit  der  Gehilfen  oder  Lehrlinge  zu  überschreiten,  so  sind  diese
Betriebe  auf  die  Vorschrift  unter  I.  3b  der  Bekanntmachung  zu  verweisen,  wonach
jeder  Arbeitgeber  höchstens  20  Tage  jährlich  nach  eigener  Wahl  zur  Ueberarbeit
bestimmen  kann.  Z

VII.  Durch  die  Vorschrift  unter  IV.  2  der  Bekanntmachung  des  Reichskanzlers
wird  die  untere  Verwaltungsbehörde  ermächtigt,  solchen  Betrieben,  in  denen  die
Gehülfen  und  Lehrlinge  nur  am  Tage  —  zwischen  5⅛  Uhr  Morgens  und  8⅛½  Uhr
Abends  —  beschäftigt  werden,  und  auf  die  deshalb  die  Vorschriften  unter  I.  der  Bekanntmachung
  keine  Anwendung  finden,  für  höchstens  zwanzig  Nächte  im  Jahr  die
Genehmigung  zur  Nachtarbeit  zu  ertheilen.  Auch  diese  Vorschrift  beruht  auf  der  Erwägung,
  daß  unter  besonderen  Umständen  eine  außergewöhnliche  Arbeitshäufung  und
dadurch  ein  Bedürfniß  nach  Verlängerung  der  regelmäßigen  Arbeitszeit  eintreten  kann.

Zur  Erläuterung  der  Bek.  4.  März  1896  find  schließlich  noch  durch  Ref.
15.  April  1896  folgende  Bestimmungen  ergangen:

1.  Welche  Behörden  unter  der  Bezeichnung  „untere  Verwaltungsbehörde“  im
Finn  der  Bekanntmachung  zu  verstehen  find,  ergiebt  sich  aus  der  Bek.  4.  März  1892
(M.  Bl.  S.  115).

2.  Den  Bestimmungen  unter  I.  der  Bek.  4.  März  1896  unterliegen  nur  solche
Bäckereien,  in  denen  Gehülfen  oder  Lehrlinge  zur  Nachtzeit  zwischen  8½  Abends  und
5½  Uhr  Morgens  beschäftigt  werden  und  ferner  mit  derselben  Beschränkung  diejenigen
  Betriebe,  in  denen  neben  Konditorwaaren  auch  Bäckerwaaren  hergestellt  werden