Contents : Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6. (6)

und  gehofft  hat,  der  Kaiser  werde  ihn  während  seiner  letzten  Lebensjahre
gelegentlich  als  politischen  Berater  zuziehen.  Daß  Fürst  Bismarck  um  der
öffentlichen  Stimmung  willen  eine  theaterhafte  Versöhnungskundgebung
mit  seiner  Reise  beabsichtigt  habe,  um  der  Öffentlichkeit  einen  Anschein  zu
geben,  der  der  Wirklichkeit  nicht  entsprach,  sieht  diesem  Manne  nicht  gerade
ähnlich,  das  haben  auch  die  letzten  Jahre  seines  Lebens  überdies  bewiesen.

Der  politische  und  unpolitische  patriotische  Spießbürger  jener  Zeit  und
die  gesamte  Byzantinerpresse  freilich  jubelten  darüber,  daß  der  frühere
Kanzler  die  ‚„hochherzige‘“  Initiative  des  Kaisers  mit  gleicher  Hochherzigkeit
erwidert  habe,  und  daß  die  beiden  großen  Männer  nunmehr  wieder  ‚Schulter
an  Schulter  im  Dienste  des  Vaterlandes  ständen‘‘.  Es  war  ein  damals  in
Deutschland  weitverbreitetes  Lebensbedürfnis,  unter  und  hinter  dem
„Glanze‘‘  unangenehme  Wirklichkeiten  nicht  sehen  zu  wollen.  So  stand  es
hier  und,  ‚in  diesem  gleichen  Bedürfnis‘,  hieß  es  befriedigt  in  der  Presse:
es  sei  doch  nun  nicht  in  Abrede  zu  stellen,  daß  Bismarck  mit  seinem  Besuch
in  Berlin  manche  bittere  Kritik  stillschweigend  zurücknähme,  die  er  während
der  letztvergangenen  Jahre  an  der  Politik  des  ‚Neuen  Kurses“  geübt  habe.
Diese  Annahme  sollte  sich  allerdings  sehr  bald  als  irrig  erweisen,  ebenso  die
Hoffnung  des  Kaisers,  daß  Bismarck  dem  Treiben  des  deutschen  Reichsschiffs
  auf  dem  ihm  gewiesenen  ‚Neuen  Kurse‘  kritiklos  zusehen  werde.

Vorläufig  freilich  blieb  es  still,  und  Bismarcks  achtzigster  (Geburtstag,
1895,  gab  dem  Kaiser  neue  Gelegenheit,  den  Schein  aufrechtzuerhalten.

Die  Mehrheit  des  Deutschen  Reichstags  versagte  sich  selbstverständlich
der  selbstverständlichen  vaterländischen  Pflicht,  dem  Schöpfer  des  Reiches
und  des  Reichstages  seinen  Glückwunsch  auszusprechen.  Die  Sozialdemokratie,
  ein  Teil  der  Demokratie,  das  Zentrum,  die  polnischen  und  die  dänischen
  Reichstagsabgeordneten  stimmten  mit  Nein  und  bildeten  die  überwiegende
  Mehrheit.  Der  konservative  Reichstagspräsident  legte  daraufhin
sein  Präsidium  nieder.  Der  Kaiser  ergriff  die  Gelegenheit  und  sprach  telegraphisch
  dem  Fürsten  ‚den  Ausdruck  tiefster  Entrüstung‘‘  über  den  eben
gefaßten  Beschluß  des  Reichstags  aus:  ‚‚Derselbe  steht  in  vollstem  Gegensatz
  zu  den  Gefühlen  aller  deutschen  Fürsten  und  ihrer  Völker.“

Durch  einen  großen  Teil  der  Presse  ging  ein  sogenannter  Sturm  der  Entrüstung,
  obgleich,  näher  angesehen,  das  Verhalten  der  Reichstagsmehrheit
lediglich  folgerichtig  war  und  die  tatsächliche  Lage  richtig  bezeichnete.  Jene
Parteien  hatten  sich  während  der  gesamten  Amtszeit  Bismareks  ohne  Ausnahme
  als  Reichsfeinde  betätigt;  sie  waren  es  auch  von  Grund  aus.  Sie  hatten
immer  alles  getan  und  versucht,  um  Bismarcks  Arbeit  zu  sabotieren,  ihn
womöglich  aus  dem  Amt  zu  drängen.  Seine  Entlassung  durch  den  Kaiser
hatte  für  diese  Parteien  eine  Befreiung  und  eine  neue  große  Zukunftshoff-259