und gehofft hat, der Kaiser werde ihn während seiner letzten Lebensjahre
gelegentlich als politischen Berater zuziehen. Daß Fürst Bismarck um der
öffentlichen Stimmung willen eine theaterhafte Versöhnungskundgebung
mit seiner Reise beabsichtigt habe, um der Öffentlichkeit einen Anschein zu
geben, der der Wirklichkeit nicht entsprach, sieht diesem Manne nicht gerade
ähnlich, das haben auch die letzten Jahre seines Lebens überdies bewiesen.
Der politische und unpolitische patriotische Spießbürger jener Zeit und
die gesamte Byzantinerpresse freilich jubelten darüber, daß der frühere
Kanzler die ‚„hochherzige‘“ Initiative des Kaisers mit gleicher Hochherzigkeit
erwidert habe, und daß die beiden großen Männer nunmehr wieder ‚Schulter
an Schulter im Dienste des Vaterlandes ständen‘‘. Es war ein damals in
Deutschland weitverbreitetes Lebensbedürfnis, unter und hinter dem
„Glanze‘‘ unangenehme Wirklichkeiten nicht sehen zu wollen. So stand es
hier und, ‚in diesem gleichen Bedürfnis‘, hieß es befriedigt in der Presse:
es sei doch nun nicht in Abrede zu stellen, daß Bismarck mit seinem Besuch
in Berlin manche bittere Kritik stillschweigend zurücknähme, die er während
der letztvergangenen Jahre an der Politik des ‚Neuen Kurses“ geübt habe.
Diese Annahme sollte sich allerdings sehr bald als irrig erweisen, ebenso die
Hoffnung des Kaisers, daß Bismarck dem Treiben des deutschen Reichsschiffs
auf dem ihm gewiesenen ‚Neuen Kurse‘ kritiklos zusehen werde.
Vorläufig freilich blieb es still, und Bismarcks achtzigster (Geburtstag,
1895, gab dem Kaiser neue Gelegenheit, den Schein aufrechtzuerhalten.
Die Mehrheit des Deutschen Reichstags versagte sich selbstverständlich
der selbstverständlichen vaterländischen Pflicht, dem Schöpfer des Reiches
und des Reichstages seinen Glückwunsch auszusprechen. Die Sozialdemokratie,
ein Teil der Demokratie, das Zentrum, die polnischen und die dänischen
Reichstagsabgeordneten stimmten mit Nein und bildeten die überwiegende
Mehrheit. Der konservative Reichstagspräsident legte daraufhin
sein Präsidium nieder. Der Kaiser ergriff die Gelegenheit und sprach telegraphisch
dem Fürsten ‚den Ausdruck tiefster Entrüstung‘‘ über den eben
gefaßten Beschluß des Reichstags aus: ‚‚Derselbe steht in vollstem Gegensatz
zu den Gefühlen aller deutschen Fürsten und ihrer Völker.“
Durch einen großen Teil der Presse ging ein sogenannter Sturm der Entrüstung,
obgleich, näher angesehen, das Verhalten der Reichstagsmehrheit
lediglich folgerichtig war und die tatsächliche Lage richtig bezeichnete. Jene
Parteien hatten sich während der gesamten Amtszeit Bismareks ohne Ausnahme
als Reichsfeinde betätigt; sie waren es auch von Grund aus. Sie hatten
immer alles getan und versucht, um Bismarcks Arbeit zu sabotieren, ihn
womöglich aus dem Amt zu drängen. Seine Entlassung durch den Kaiser
hatte für diese Parteien eine Befreiung und eine neue große Zukunftshoff-259