Full text : Europäischer Geschichtskalender. Einundzwanzigster Jahrgang. 1880. (21)

Has  deulsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  20.)  161

zu  setzen.  Es  darf  in  dieser  Hinsicht  beispiessweise  auf  die  Verhandlungen
des  Abgeordnetenhauses  vom  7.  Februar  l.  J.  Bezug  genommen  werden.  Das
Mittel  für  eine  derartige  ehemem  der  Angeiegenheit  bietet  der  Art.  9.
Danach  wird  die  Frage,  ob  bei  Zuwiderhandlungen  gegen  die  Vorschriften
der  obenbezeichneten  Gesetze  strafrechtlich  einzuschreiten,  oder  von  einer  Anwendung
  der  Gsfoeskigtihnn  rbusche  ist,  in  erster  Linie  nicht  mehr
von  den  mit  der  Erforschung  und  Verfolgung  strafbarer  Handlungen  betrauten
  Behörden,  sondern  von  dem  höchsten  Verwaltungsbeamten  der  Provinz
  abhängig  gemacht  und  hiedurch  Naum  für  eine  staatsrechlliche  und  politische
  Erwägung  des  jedesmal  vorliegenden  concreien  Falles  geschaffen
Art.  10.  Daß  die  geistlichen  Genossenschaften,  welche  sich  ausschließlich
  der  g#t  10.  a  widmen,  eine  von  der  grundsählichen  Ausschließung
des  katholischen  Ordenswesens  aus  der  Monarchie  abweichende  Behandlung
rechtfertigen,  ist  bereits  bei  Erlaß  des  Gesetzes  vom  31.  Mai  1875  betreffend
die  geistlichen  Orden  und  Congregationen  der  katholischen  Kirche  aerkanmt
worden.  Die  Motive  zum  §  2  lo  heben  ausdrücklich  hervor,  daß  jene  G
nossenschaften  wegen  ihrer  rühmenswerthen  Leistungen  insbesondere  in  den
letzten  Kriegen  eine  Ausnahmestellung  verdienen  und  daß  sie  eine  solche  auch
nn-  weil  es  nach  den  gemachten  Erfahrungen  eine  Reihe  von  klösterichen
  Niederlassungen  der  gedachten  Art  gibt,  von  welchen  anerkannt  werden
daß  sie  sich  in  den  Grenzen  der  Kraukeupflege  Vehalten  haben.  Mit
r*nm  hierauf  hat  das  Geseh  den  Fortbestand  derjenigen  klösterlichen
Niederlassungen  freigegeben,  welche  bei  sei  iner  Publication  in  Preußen  vorhanden
  waren,  sofern  sich  ihre  Thätigkeit  auf  die  Krankenpflege  beschränkt.
Der  Art.  10  *!  lägt  eine  brwerlternn  dieser  Concession  nach  drei  Richtungen
vor:  wecke  der  Krankenpflege  soll  hinsichtlich  solcher  geistlichen
Cofschnchaftene  welche  schon  jeht  in  Preußen  Aufnahme  gefunden  haben,
die  Errichtung  neuer  Niederlassungen  mit  staatlicher  Genehmigung  statthaft
sein.  Damit  bvied  dem  Bedürfniß  nach  opserwilligen  Krankenpflegern  Genüge
  geschaffen  und  für  diejenigen  Ortschaften,  welche  vor  dem  Sommer  1875
noch  nicht  im  Besitz  von  congregationistischen  Krankenpflege-Einrichtungen
waren,  eine  in  den  betheiligten  Kreisen  als  Unbill  empfundene  Ungleichheit
beseitigt.  2)  Der  Begriff  „Krankenpflege“,  welcher  wegen  seiner  technischen
Unbestimmtheit  bei  Ausführung  des  Klostergesepes  zu  Zweifeln  Anlaß  gegeben
  hat  und  der,  wenn  er,  wie  bisher,  auf  die  eigentliche  Wartung  von
ärztlich  behandelten,  siechen  oder  gebrechlichen  Personen  beschränkt  bleibt,
die  Wirksamkeit  der  Orden  von  wichtigen  Gebieten  der  Bethätigung  christlicher
  Nächstenliebe  ausschließt,  soll  speciell  auf  die  Pflege  und  Unterweisung
von  Blinden,  Tauben,  Stummen  und  Idioten,  sowie  von  gefallenen  Frauenspersonen
  ausgedehnt  wwirden.  3)  Eine  dritte  Erweiterung  soll  endlich  hinsichtlich
  der  Pflege  und  Unterweisung  von  Kindern  eintreten,  welche  sich  noch
nicht  im  schulpflichtigen  lter  befinden.  Auch  diese  von  den  geistlichen  Genossensch
  Hasten  vor  Erlaß  des  Gesehes  vom  31.  Mai  1875  in  zahlreichen
Spielschulen  geübte  —  liegt  wesentlich  auf  dem  Boden  der  Caritas,
sie  hat.  sich  insbesondere  in  Orten  mit  starker  industrieller  Bevölkerung  bewährt
  und  ist  nach  Lage  der  localen  Verhältnisse  nicht  überall  durch  andere
Veranstaltungen  zu  ersetzen  gewesen.  Ihrer  Freigabe  als  eine  Nebenbeschäftigung
  für  solche  weibliche  eSesenshefe  welche  sich  der  Krankenpflege
widmen,  dürste  kein  Rurchsreisendeg  Bedenken  entgegenstehen.
Art.  11.  Der  §  13  des  Regierungsentwurfs  zum  Gesehz  vom  20.
Jnni  1875  über  die  d.Weeee  in  den  katholischen  Kirchenbemeinden,e
  hatte  den  Vorsih  in  dem  Kirchenvorslande  dem  Pfarrer,  in  Filialapellen
  u.  s.  w.  Gemeinden  dem  Geistlichen  derselben  überwiesen.  Maßgebend
  war  ½p  die  Erwägung  gewesen,  daß  die  nothwendige  Geschäfts-Schulthess,
  Europ.  Geschichtskalender.  XXI.  Bd.  11