Full text : Geschichte der königlich Preußischen Armee. Band IV. (4)

159

der  Mobilmachung  gefallen  war,  die  damit  zusammenhängende
Schwäche  der  Regimenter,  die  geringe  Brauchbarkeit  der  Landwehr—
kavallerie,  endlich  die  Mängel  des  Kavalleriereglements  von  1812,
das  die  Reiterei  zu  einer  Hilfswaffe  der  Infanterie  machte  und  für
eine  Verwendung  größerer  Kavalleriemassen,  die  in  der  napoleonischen
  Schlachtentaktik  doch  eine  so  große  Rolle  spielten,  überhaupt
keine  Anhaltspunkte  gab.  Manche  dieser  Mängel  verschwanden  nach  der
Rückkehr  in  die  Friedensgarnisonen  bald.  Durch  die  planmäßige  Remontierung
  und  die  Fortschritte  der  Pferdezucht  wurde  der  Pferdestand
  erneuert,  die  Reitfertigkeit  hob  sich  unter  dem  Einflusse  der
Militärreitanstalt  (Lehreskadron),  deren  erster  Direktor  Oberst
v.  Sohr  die  am  18.  Juni  1825  erlassene  Instruktion  zum  Reitunterricht
  für  die  Kavallerie  bearbeitete,  die  viele  Jahrzehnte  lang
im  Gebrauch  blieb.  Im  September  1821  fanden  bei  Berlin  unter
Leitung  des  Generallicutenants  v.  Borstell  Ubungen  eines  Kavalleriekorps
  von  48  Eskadrons  mit  24  Geschützen  statt.  Aus  den  dabei
gesammelten  Beobachtungen  gingen  die  am  23.  August  1823  vom
Könige  genehmigten  Bestimmungen  über  die  Formation  und  die
taktischen  Bewegungen  eines  Kavalleriekorps  hervor.  Ein  Kavalleriekorps
  sollte  danach  zwei  Divisionen  haben,  jede  Division  eine
Kürassier-,  eine  Ulanen=  und  eine  leichte  Brigade  zu  2  Regimentern,
dazu  3  reitende  Batterien  (zu  8  Geschützen),  wovon  eine  der  die  Avantgarde
  bildenden  leichten  Kavallerie  zugeteilt,  die  beiden  anderen
nach  Umständen  verwendet  wurden.  Die  Kürassiere  bildeten  das  1.,
die  Ulanen  das  2.  Treffen.  Die  gewählten  Formen  waren  aber  zum
Teil  sehr  künstlich,  und  die  Entwicklung  der  folgenden  Jahre  trug
den  gleichen  Stempel  einer  reinen  Exerzierplatztaktik.  Auch  die
großen  Mängel  der  Landwehrkavallerie,  in  der  schwere  und  leichte
Reiter  und  Pferde  durcheinandergemischt,  deren  von  den  Kreisen
gestellte  Pferde  zum  großen  Teil  unrittig  waren,  die  durchweg  die
Lanze  führte,  obwohl  nur  die  ehemaligen  Ulanen  wirklich  damit
umgehen  konnten,  blieben  noch  lange  bestehen.  Für  den  Dienst
im  Felde,  Vorposten=  und  Aufklärungstätigkeit,  fehlten  allgemeingültige
  Weisungen.

Die  Artillerie,  der  ihr  Generalinspekteur  Prinz  August  von
Preußen  eine  unermüdliche  Sorgfalt  und  Tätigkeit  widmete,  war
in  der  Kriegszeit  gleich  der  Infanterie  verdreifacht  worden,  statt
drei  Brigaden  zählte  sie  jetzt  deren  9,  aber  ihre  Ausbildung  war
schwieriger,  und  sie  gelangte  sowohl  in  der  Schießtechnik  als  auch
in  der  Manövrierfähigkeit  erst  nach  und  nach  zu  einem  wirklich  durchgebildeten
  Personal.  Die  reitende  Artillerie  hatte  dabei  gegenüber
der  Fußartillerie  den  Vorzug  der  ständigen  bespannten  Batterien,
wenn  auch  nur  zu  4  Geschützen,  und  ihr  blieb,  obwohl  sie  seit  der
Einfügung  in  denselben  Abteilungsverband  mit  den  Fußkompagnien
ihre  frühere  Sonderstellung  verloren  hatte,  doch  das  Bewußtsein
einer  bevorzugten  Truppe.  Bei  der  Fußartillerie  waren  der  periodische