Full text : Staatsrecht, Völkerrecht und Politik. Dritter Band. (3)

Die  Universitäten.  155

Die  Missgriffe  lagen  nur  darin,  dass  Diesterweg  die  Universität  der  Wissenschaft
  entkleiden  und  sie  zur  Abrichtungsanstalt  machen  wollte,  was
nicht  entfernt  in  der  eben  angedeuteten  Forderung  enthalten  ist;  und  dass
der  Regierungsbefehl  die  Professoren  selbst  zur  Verständlichmachung  ihrer
Lehre  verwenden  wollte,  was  allerdings,  aus  verschiedenen  Gründen,  nicht
angeht,  aber  auch  zur  Durchführung  der  Absicht  keiuceswegs  nöthig  ist.
Der  Versuch  gehört  also  thatsächlich  zu  den  gescheiterten;  allein  auf  die
Sache  selbst  muss  seines  Ortes  zurückgekommen  werden.

Ist  nun  aber  das  Scheitern  dieser  Versuche  oder  das  nicht  zur  Nachahmung
  einladende  Wesen  derselben  ein  Beweis,  dass  der  Zweck  gar  nicht
erreicht  werden  kann?  Liegt  vielleicht  hier  einer  der  Fülle  vor,  in  welchen
eine  Veränderung  wesentlicher  Verhältnisse  eine  früher  vollkommen  wirksame
  und  in  allen  Beziehungen  harmonische  Einrichtung  unwirderbringlich
aus  dem  Gleichgewichte  gebracht  und  sie  eines  Theiles  ihrer  Wirkung  beraubt
  hat,  wo  dann  also  jeder  Wiederherstellungsversuch  nur  Verschwendung
  von  Mühe  und  Mitteln,  nur  ein  Zeichen  von  Mangel  an  Einsicht  ist?
Oder  ist  eine  deutsche  Universität  etwas  so  vollkommen  Organisches,  dass
kein  Theil  ihrer  Einrichtungen  verändert  werden  kann,  ohne  dass  das
Ganze  zusammenstürzt?  Heisst  es  auch  von  ihnen:  sint  ut  sunt,  aut  non
sint?  —  Das  Erstere  ist  theilweise  wohl  so;  aber  nur  sehr  theilweise.  Die
relative  Verminderung  der  früheren  Bedeutung  der  Universitäten  ist  durch
Ursachen  hervorgerufen,  welche  an  sich  eine  Wegräumung  nicht  zulassen,
ja  in  Betreff  welcher  eine  solche  gar  nicht  wünschenswerth  wäre.  \er
wird  auch  nur  den  Wunsch  haben,  dass  die  Blüthe  der  Literatur,  der  Industrie,
  des  Verkehres,  dass  ein  reges  politisches  Leben  nicht  stattfinden
möge,  um  den  früheren  Glanz  der  Hochschulen  wiederherzustellen?  Wer
wäre  thöricht  genug,  an  eine  Möglichkeit  solcher  Zurückschraubung  zu
glauben?  So  weit  also  die  Universitäten  wenigstens  vergleichungsweise
unter  dieser  Veränderung  früherer  Zustände  leiden,  ist  allerdings  an  eine
Verbesserung  nicht  zu  denken.  Anders  aber  verhält  es  sich  mit  den  Ucbelständen,
  welche  in  den  eigenen  Einrichtungen  der  Universitäten  selbst  ihren
Grund  haben.  Hier  ist  keine  Ursache  zur  Abstellung  von  vorncherein  vorhanden.
  Die  Universitäten  sind  allerdings  ein  Organismus,  d.  I.  ihre  Bestandtheile
  bilden  ein  geschlossenes  Ganzes  und  ihro  einzelnen  Einrichtungen
und  Gewohnlieiten  sind  durch  Absicht  und  Zeit  zu  einem  ungestörten  Nebeneinandersein
  und  auch  wohl  zu  gegenseitigem  Eingreifen  gedichen.  Allein
damit  ist  nicht  gesagt,  dass  nicht  Veränderungen  in  denselben  vorgenommen
werden  könnten;  dieselben  müssen  nur  vorsichtig  gemacht  und  wieder  auf
ein  harmonisches  Wirken  berechnet  werden.  Dass  dieses  zum  Theil  schwierig
sein  wird,  ist  zuzugeben;  allein  unmöglich  ist  es  nicht.  Es  bleibt  also  die
Aufgabe  allerdings  bestehen,  die  Universitäten  von  allmählig  entstandenen