198 Oeslerreich-Ungarn.
45. Jan. (Ungarn: Croatien). Der Landtag geht über den Antrag der
national-croatischen Partei, den Kaiser um Neuwahlen ohne octroyirte
Wahlordnung zu bitten, zur Tagesordnung über. In Folge
davon treten 14 Abgeordnete der nationalen Partei unter Protest
aus und legen ihr Mandat nieder.
18. „ Der Reichskriegsminister F. M. L. John wird entlassen und durch
F. M.L. Kuhn ersetzt.
19. „ Erster Zusammentritt der beiden Delegationen des Reichsraths
und des ungarischen Landtags in Wien.
„ „ (Oesterreich). Eine kaiserl. Entschließung bestimmt, daß die
Staatsbeamten bei neuen Ernennungen oder bei Beförderungen auf
die Staatsgrundgesetze und bereits beeidigte Beamte in gleicher Weise
nachträglich zu beeidigen sind, endlich daß die in der bisherigen Eidesformel
enthaltene Clausel über die Nichttheilnahme an geheimen Gesellschaften
zu entfallen habe, daß dagegen die Clausel in die Formel
aufzunehmen: daß der den Eid Ablegende keiner ausländischen politischen
Gesellschaft angehöre, noch angehören werde.
„ —21. Jan. (Oesterreich: Böhmen). Der neue Justizminister Herbst,
bisher Professor an der Universität Prag und Führer der deutschen
Partei im böhmischen Landtag, besucht Prag. Tumultuarische Demonstrationen
der Czechen gegen das Mitglied des ersten parlamentarischen
Ministeriums in Oesterreich.
Die deutschen Studenten, die ihrem bisherigen geseierten Lehrer eine Huldigung
darbringen wollen, werden von den Czechen in der Berathung darüber
gewaltsam gestört und verzichten in Folge verständlicher Winke der czechischen
Journalistik auf die beabsichtigte Ovation gänzlich. Bei der Ankunft Herbsts
am 19. wersen die czechischen Massen im deutschen Casino die Fenster ein,
bringen, dem czechischen Bürgerclub (Beseda) ihre Slavaruse und singen
schließlich vor der Wenzelsstatue das alte Wenzelslied ab (das den Schutzpatron
um die Vertreibung der Deutschen aus dem Lande anufleht). Am 20.
wird. im czechischen Theater das Erstlingswerk eines jungen czechischen Dichters
gegen Baron Beust unter dem Namen „Baron Görtz“ unter lärmenden
Demonstrationen aufgeführt. Am 21. großes Fesibankett von Landtagsabgeordneten,
Gemeindevertretern aus vielen deutschen Ortschaften, Professoren,
Studenten, Beamten 2c. im deutschen Casino. Das Lokal muß gewaltsam
gegen den czechischen Pöbel geschützt werden: vier Bataillone Militär räumen
die Straßen, bivouakiren auf den Plätzen und durchziehen die ganze Nacht
die Stadt. Rede Herbsts: Die Februar-Verfassung sei nun in nahezu vollendeter
Gestalt ins Leben getreten. Die Mehrheit der Stämme Oesterreichs
habe ihre neue Form berathen; nimmermehr könnten Aenderungen nach dem
Ermessen Einzelner Platz greisen, die sich von den Verfassungs-Berathungen
ausgeschlossen. Die sanctionirte Verfassung könne nicht in Frage gestellt werden,
sie dürfe es auch nicht. „Stolz darauf, zu ihrer Verlebendigung in den
Rath der Krone berufen zu sein, werde ich an den Grundgesetzen festhalten
immerdar treu und unverbrüchlich, so wahr mir Gott helfe.“
An demselben Tage, 21. Jan., wird Dr. Klaudy seierlich als neuer Bürgermeister
von Prag installirt. Die Bürgercorps rücken zu dem Behufe aus
und werden dabei trotz einer Ministerverordnung, die unter dem 31. Dec.
v. J. das Begehren nach längerem Zögern endlich definitiv abgelehnt hatte,
czechisch commandirt.